Von den Stärken ausgehen

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„Begabungsgerechter“ Unterricht an der Sonnentauschule: Lehrerin Yvonne Mürell mit Erstklässlern der 1 b.

Obertshausen ‐ Der Klassenraum hat zartgelbe Wände, an einer prangt eine elektronische Tafel. In der Mitte steht der ovale Lehrertisch, um ihn herum grüne Hocker, die wie umgedrehte Mülleimer aussehen. Von Stephan Degenhardt

Die Schülertische der Klasse 1 b der Sonnentauschule stehen an der Fensterfront oder an den Wänden, über den Arbeitsplätzen hängen kleine Sonnen mit den Lernzielen der Kinder. Willkommen in der „Begabungsgerechten Schule“. Denn hinter der Raumgestaltung steht ein pädagogisches Konzept. Seit August 2009 nehmen die Sonnentauschule und die Waldschule an diesem Modellversuch des Kreises teil, der zunächst auf vier Jahre begrenzt ist.

Hintergrund: Deutschland hat sich bei den Vereinten Nationen verpflichtet, für jedes behinderte Kind einen Platz in einer Regelschule bereitzustellen. Dies muss bis 2013 umgesetzt sein. Der Kreis Offenbach hat sich dabei zum Vorreiter entwickelt. Nach Schließung einer Schule für Lernbehinderte in Mühlheim im Jahr 2008 wurden die förderbedürftigen Kinder zunächst auf umliegende Grundschulen aufgeteilt.

Wochenpläne für Deutsch oder Rechnen

Für den Unterricht in den Obertshausener Grundschulen heißt das neue Modell: Die Lehrer sollen die Kinder je nach Wissensstand und Begabung individuell fördern, Schüler mit Lernbehinderung nicht aussondern. „Inklusion“ heißt das in der Sprache der Pädagogen. „Wir gehen von der Idee aus, dass alle Kinder anders sind, die Verschiedenheit normal ist“, sagt Mischa Sendelbach, Leiter der Sonnentauschule.

Dieser Gedanke wirkt sich konkret auf das Lernen aus. Die Erstklässler, für die das Modell mit der Einschulung begonnen hat, haben zum Beispiel persönliche Wochenpläne. Darin steht, was sie in Deutsch oder Rechnen üben sollen.

Im Klassenzimmer hat jeder Schüler ein eigenes Fach, in dem er Aufgaben findet, die seinem momentanen Leistungsniveau entsprechen. „Wir müssen die Kinder dort abholen, wo sie stehen und von ihren Stärken ausgehen“, sagt Günter Kaspar, Leiter der Waldschule. Die Grundschüler seien in ihrer Entwicklung unterschiedlich weit; manche könnten in der ersten Klasse schon ganze Sätze schreiben, manche nur einzelne Wörter. „Wir schauen nicht darauf, was die Schüler noch nicht wissen, sondern fördern das, was sie schon können“, sagt Kaspar weiter.

Um die Kinder in den Klassen individuell betreuen zu können, setzen die teilnehmenden Schulen mehr Personal ein. Fast alle Unterrrichtsstunden werden mit zwei Lehrern besetzt, hinzu kommen ein Förderschullehrer und ein Sozialpädagoge.

Nach Sommerferien weitere Neuerung

Klassenarbeiten zu einem festen Termin gehören der Vergangenheit an. Die Schüler schreiben die so genannten Lernstandskontrollen in Deutsch und Mathe, wenn sie sich fit fühlen. Wichtig: Für die Kontrollen bekommen sie keine Noten. Um ihre Entwicklung und Leistung dennoch überprüfen zu können, sprechen die Lehrer regelmäßig mit ihnen. In den Lernstandsgesprächen sagt der Schüler, was er schon gut kann, wo es noch hapert und setzt sich selbst ein Lernziel. Die Gesprächsprotokolle werden den Eltern vorgelegt.

Nach den Sommerferien führen die beiden Obertshausener Grundschulen eine weitere Neuerung ein: die „Flexible Eingangsstufe“ (Flex) soll das Modell „Begabungsgerechte Schule“ erweitern. Die Schulen fassen die Klassen 1 und 2 zu einer Einheit zusammen. An der Waldschule etwa werden die jetzigen Erstklässler im nächsten Schuljahr in neun Lerngruppen aufgeteilt, die neuen Schüler kommen in diese hinzu. Der Clou: Die Schüler können die ersten beiden Klassen je nach Entwicklungsstand und Lerntempo in einem oder drei Jahren durchlaufen. „Wir haben dann mehr Zeit, schwächere Kinder abzuholen“, sagt Kaspar. Ein weiterer Vorteil: Lernschwache Schüler müssen eine Klasse nicht wiederholen. Wenn sie mit dem Tempo nicht mitkommen, bleiben sie ein Jahr länger in der Lerngruppe. „Damit bleibt ihnen das Sitzenbleiben und der Ruf als Versager erspart“, so Kaspar. Nach der Grundschulzeit sollen alle Kinder fit genug sein, um eine weiterführende Schule zu besuchen.

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