Mit 17 Filmen fing es an

Videoland schließt nach 35 Jahren seine Türen

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Rund 20 Jahre stand Mitarbeiterin Daniela Harzer hinter dem Tresen von Obertshausens Kultvideothek. Noch sind die Regale gut gefüllt, das dürfte sich in den kommenden Tagen ändern.

Obertshausen - Seit 35 Jahren ist das Videoland Anlaufpunkt für Filmfans aus Obertshausen und der Umgebung. Ende des Monats schließt die Kultvideothek für immer ihre Tore. Von Thomas Holzamer 

Türen und Fenster auf, durchlüften und dann kann es auch schon losgehen. Pünktlich um 15 Uhr öffnet Bärbel Hartung die Tür ihrer Videothek – wie an beinahe jedem Tag seit mittlerweile 35 Jahren. „Das wird mir, glaube ich, schon sehr fehlen“, sagt sie. Denn Ende des Monats ist endgültig Schluss. Mit dem Videoland schließt eine der letzten Videotheken der Region und zugleich auch eines der letzten „Urgesteine“ an der Heusenstammer Straße. Denn das Haus war für viele Obertshausener weit mehr als nur ein Anlaufpunkt, um sich die neuesten Blockbuster oder den Kinoklassiker aus längst vergangenen Zeiten auszuleihen. Das Videoland war Treffpunkt, Kiosk und Ort für Gespräch in einem. Gerade für ihre treuen Stammkunden, von denen viele mit der Videothek aufgewachsen sind, hatte die 62-jährige neben Tipps für gute Filme auch ein offenes Ohr bei Sorgen und Problemen. „Den einen oder anderen lernt man in so vielen Jahren gut kennen und kann natürlich auch den einen oder anderen Film empfehlen.“

Auch diesen Kontakt mit den Kunden wird Hartung vermissen, auch wenn die Entscheidung, die Videothek zu schließen, die richtige war, erläutert sie. Denn nur mit ein paar Stammkunden, rechnet sich das Geschäft nicht. „Man lebt nur von den Neuheiten“, erläutert sie. Und selbst wenn der eine oder andere hartgesottene Fan dreimal im Monat komme, reiche das längst nicht mehr aus. „Das lohnt nicht und vom alter her, ist es auch langsam an der Zeit, kürzer zu treten“, stellt die Videotheken-Chefin fest und so fiel ihr der Entschluss, mit dem Videoland das letzte von einst fünf Hartungschen Häusern dicht zu machen, nicht so schwer.

Was bleibt sind viel Erinnerungen – viele viele gute, aber natürlich auch weniger schöne. Eine von letzteren war die Aktion einiger Chaoten während der letzten Fußballweltmeisterschaft vor vier Jahren. Damals flogen nach einem der Spiele plötzlich mehrere rohe Eier durch die geöffnete Ladentür und gegen Tresen und Regale. „An dem Abend musste ich lange putzen, bis alles wieder weggewischt war“, erinnert sich Hartung.

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Angefangen haben die Hartungs, die auch einen Kiosk unweit des S-Bahnhofs in Obertshausen betreiben, einst mit gerade einmal 17 Filmen, damals noch an der Offenbacher Straße. Doch die Räume dort wurden schnell zu klein und man zog in größere Räume an die Heusenstammer. Der Vorteil dort: Die Chefin konnte den jugendfreien vom Bereich für Erwachsene räumlich komplett trennen. „Das war mir immer wichtig, dass wir jugendfrei sind“, erläutert sie. Denn gerade in den Anfangszeiten hatten Videotheken oft nicht das beste Image. „Zu Unrecht“, wie Hartung betont: „Prozentual haben Pornos gerade einmal 20 Prozent ausgemacht, der Rest waren Blockbuster und Filme für die ganze Familie“, sagt sie. Vor allem die Kinderfilme von Walt Disney seien gefragt gewesen. Natürlich hatten auch die Sexfilme ihre Stammkunden, „aber da habe ich gar nicht weiter drüber nachgedacht und lasse die Kunden da auch in Ruhe“. Natürlich habe der eine oder andere auch mal beraten werden wollen, aber da habe sie passen müssen. Davon kann ebenso Mitarbeiterin Daniela Harzer erzählen, die auch schon rund 20 Jahre dabei ist. „Früher konnte ich da noch eher beraten, aber mittlerweile bin auch ich nicht mehr auf dem neuesten Stand“, erzählt sie und lacht. Auch sie wird die kleinen Gespräche mit den Kunden vermissen. „Wir sind da ein wenig wie Barkeeper und viele haben sich bei uns auch ihr Herz ausgeschüttet“, erinnert sie sich.

Zwischendrin hatten auch die PC- und Konsolenspiele einen Boom, machten zur Hochphase rund 40 Prozent des Geschäft aus. Das sei jedoch auch schon eine Weile her. „Mit Filmen haben wir angefangen und mit Filmen hören wir auf“, sagt die Videothekenbesitzerin. Bis zum 30. Juni ist das Videoland noch geöffnet. Bis dahin will das Team der Videothek auch Tausende DVDs und Blue-rays zum Schnäppchenpreis verkaufen. Darunter viele Klassiker und aktuelle Blockbuster, denn die letzten Neuerscheinungen wurden noch Ende Mai geliefert.

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