Vom Einlegen zum Färben

Obertshausen: Der Friseursalon Ott ist seit 90 Jahren in Familienbesitz

Historisches Bild aus einem Friseursalon
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Zum 1. April 1930 eröffnete Wilhelm Ferdinand Ott zusammen mit seiner Frau Katharina den Friseursalon Ott in der Heusenstammer Straße 18. Bis heute schneidet und frisiert die Familie in dem Salon.

Für die kleine Feier war schon alles eingekauft. Dann hat sich aber das Coronavirus auch in Deutschland verbreitet. Den Geburtstag ihres Friseursalons wollen Silvia und Ludwiga Ott aber nun nachholen.

Obertshausen – Denn seit 90 Jahren empfängt die Familie Ott in der Heusenstammer Straße 18 Kunden. Seit dem 1. April 1930, nachdem sich Wilhelm Ferdinand Ott in dem Haus niederließ, wird in dem Friseursalon geschnitten, gefärbt und hochgesteckt. Zu Anfang vor allem aber auch rasiert, berichtet die Schwiegertochter des Gründers, Ludwiga Ott. Die 76-Jährige arbeitet seit 1963 in dem Salon, der von ihrem Mann Manfred Ott 1962 übernommen wurde.

Das Besondere an dem Familienbetrieb ist, dass bereits Wilhelm Ferdinand Otts Vater den Friseurberuf ausübte. „Er hat sich dann mit seiner Frau Katharina selbstständig gemacht“, erinnert sich Ludwiga Ott. Die Schwiegermutter hatte im Salon mitgearbeitet und vorgeschnitten.

Der Sohn des Ehepaars, Manfred Ott, hatte das Handwerk ebenfalls erlernt und zehn Jahre lang in Offenbach gearbeitet, bevor er 1962 in den Salon in Obertshausen wechselte. Gemeinsam mit Ludwiga Ott, die aus einer Offenbacher Friseurfamilie stammt, führte Manfred Ott das Geschäft, das seine Eltern aufgebaut haben. 1964 heirateten die beiden.

Die 76-Jährige erinnert sich, wie die Kundschaft in dieser Zeit war: Wer eine schicke Frisur wollte, suchte den Friseur auf. Es war normal, einmal in der Woche in den Salon zu gehen, um sich die Haare zu einer Wellenfrisur einlegen zu lassen. Das Geschäft war stets voll, da die Damen und Herren ohne Termin erschienen. Der Salon scheint ein Treffpunkt für die Frauen und Männer des alten Obertshausens gewesen zu sein. Man kannte sich untereinander und erzählte hier und da etwas. Wollte man das Neuste aus dem Ort wissen, schaute man beim Friseur vorbei.

Heute läuft im Salon vieles anders. Nur wenige Kundinnen kommen wöchentlich. Der Beruf sei schnelllebiger geworden. Ohne Anmeldung geht es heute nicht mehr – vor allem zurzeit. Die Kunden kommen meist nur zum Schneiden oder Färben – Föhnen und Frisieren erledigen die meisten selbst zu Hause. Zudem ist der kleine Ort im Laufe der Jahre gewachsen – man kenne nicht mehr jeden Nachbarn. Die Kunden seien heute viel besser informiert, fasst Silvia Ott den Wandel zusammen. Seit 2004 leitet sie – und damit die vierte Generation – den Familienbetrieb. Zeitschriften beispielsweise geben ihren Leserinnen Tipps für Frisuren, Farben und Schnitte. Während früher der Frisur die Kunden darin beriet, was ihnen stehe, wissen Frauen das heute selbst. Sie kommen mit klaren Vorstellungen zum Coiffeur, sagen was sie wollen und fragen auch nach, was derjenige mit der Schere in der Hand tut. Die Ansprüche seien gewachsen.

Um diesen gerecht zu werden, veränderte der Salon im Laufe der Jahre öfter mal sein Aussehen und auch die Mitarbeiter veränderten sich mit. „In so einem Modeberuf muss man immer am Ball bleiben“, sagt Silvia Ott, die regelmäßig an Seminaren und Modeschauen teilnimmt. Verändert habe sich auch das Team, das mal aus sieben Personen bestand: Zusammen mit Chefin Silvia und Mutter Ludwiga Ott gibt es nur noch eine weitere Mitarbeiterin, Edyta Neudek. Der Beruf scheint nicht mehr so attraktiv zu sein.

Dennoch, einen kleinen Grund zur Freude gibt es: Der Familienbetrieb hat die coronabedingte Schließung gut überstanden. Auch der Ansturm nach der Wiedereröffnung normalisiert sich, sodass die Friseurinnen langsam wieder zum Alltag – mit Maske und Abstand – zurückkehren. Daher wollen die Otts in den nächsten Wochen neben dem Tagesgeschäft mit ihren Kunden auf den 90. Geburtstag anstoßen. Wann genau, steht noch nicht fest. Die Innung empfehle es noch nicht, wieder Getränke auszuschenken, sagt Silvia Ott. Daher halte sie sich noch zurück. (Von Yvonne Fitzenberger)

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