Waren für die Wirtschaft

Blick in die Vergangenheit: Bahnhof Obertshausen wird zum Güterumschlagplatz

Einst zentrale Warenumschlagplatz: Die Güterabfertigungshalle des Bahnhofes kurz nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1962.
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Einst zentrale Warenumschlagplatz: Die Güterabfertigungshalle des Bahnhofes kurz nach ihrer Fertigstellung im Jahr 1962.

In der Chronik der Stadt Obertshausen berichtet der Heimat- und Geschichtsverein (HGV) über viele einstige Orte, zählt Fakten aus der Vergangenheit auf und sammelt interessante Anekdoten. In unserer Serie „Obertshausen einst“ reisen wir gemeinsam mit den Heimatforschern zurück – in dieser Ausgabe noch einmal in die Geschichte des Bahnhofs.

Obertshausen – Viele Obertshausener kennen den Bahnhof heute nur noch als Haltestelle für den S-Bahnverkehr. Seine Blütezeit erlebte dieser jedoch bereits ab Mitte der 1950er-Jahre für den Güterverkehr. Bis Anfang der 1980er-Jahre war er als wichtiger Umschlagplatz für den Warenverkehr der Stadt.

Inzwischen wird der komplette Warenverkehr der Stadtüber die Straße abgewickelt – mit den bekannten Folgen für die Umwelt. Prominentestes Beispiel dafür ist das DHL-Paketzentrum im Gewerbegebiet Herbäcker. Dort werden im aktuellen Lockdown täglich rund 580 000 Pakete umgeschlagen – jedoch über die Straße, einen Gleisanschluss gibt es nicht.

Anders damals, hält die Chronik fest: Die boomende heimische Wirtschaft bediente sich für den Transport ihrer Waren hauptsächlich der Bahn. Die Firma Karl Mayer hatte sogar einen eigenen Gleisanschluss. Bis zu 15 Wagons mit neu gebauten Maschinen verließen über diesen täglich das Werk und wurden in alle Welt verschickt.

Auch fast alle ortsansässigen Lederwarenhersteller waren Expressgutkunden des Bahnhofs Obertshausen. Unter ihnen waren so bekannte Namen wie Gebr. Picard, Keller und Kern, Andre Kralle, A.D. Kopp, Gebr. Paul und viele mehr. Es wurden aber auch Güter wie Kohle und Briketts für die ortsansässigen Kohlehändler J. Lamboy in der Bahnhofstraße und die Landwirtschaftliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft in Hausen, aber auch Kartoffeln für August Reitz an der Feldstraße, die per Zug geliefert wurden.

Im Laufe der Zeit ging das Frachtaufkommen jedoch immer weiter zurück. Immer mehr Güter wurden über die Straße transportiert und die Bahn konzentrierte ihre Frachtzentren immer stärker an zentralen Orten wie Offenbach und Frankfurt.

Mit dem Baubeginn des Jahrhundertprojekts „Omega-Tunnel“ im Jahr 1998 wurden schließlich die Hallen für die Güterabfertigung abgerissen. Große Teile der Anlagen waren zu dieser Zeit bereits seit einigen Jahren stillgelegt. Erhalten blieb allein das historische Bahnhofsgebäude, in dem sich heute ein Café befindet.

„Das gute Ende einer langen Reise“, heißt es in der städtischen Chronik zur neuen Nutzung des historischen Bahnhofsgebäudes, das wie alle Bahnhöfe an der Rodgau-Strecke nach den gleichen Bauplänen erbaut wurde. Fast 100 Jahre lang hatte der Bau seine Aufgabe erfüllt. Mit Eröffnung der S-Bahn wurde er von der Bahn nicht mehr gebraucht, der Betrieb der neuen Strecke zentral vom Stellwerk in Offenbach-Ost übernommen.

Die Planungen für die weitere Nutzung der stillgelegten Bahnhofsgebäude waren in den einzelnen Kommunen allerdings von unterschiedlichem Erfolg gekrönt. Während der ehemalige Bahnhof in Heusenstamm schnell zu einem gastronomischen Betrieb umgebaut wurde, ist dies für den Bahnhof in Bieber bis heute nicht gelungen. Bei dem denkmalgeschützten Bauwerk dort musste unlängst sogar die Stadt eingreifen, da das Dach inzwischen droht, einzustürzen.

Auch in Obertshausen dauerte es viele Jahre, bis dem Bahnhof wieder neues Leben eingehaucht werden konnte. Die Stadtverordneten beauftragten den Magistrat zwar bereits am 8. Oktober 1998 mit der Prüfung, ob ein Kauf, die Miete oder die Pacht des Gebäudes durch die Stadt möglich seien. Der Kontakt mit der Deutschen Bahn und immer wieder wechselnden zuständigen Dienststellen und Bahngesellschaften erwies sich aber als schwierig und zeitintensiv.

Erst am 6. Juni 2006 konnte die Stadt endlich das Gebäude für 60 000 Euro kaufen. Doch noch ohne Nutzungskonzept und Investor, der die Sanierung des Objekts finanzieren würde, wurde der Bau zum Spielball in der Kommunalpolitik. Der langjährige Mietvertrag mit einer seit Jahren im Gebäude wohnenden elfköpfigen Familie schreckte wiederholt Investoren ab. Auch die Tatsache, dass die Liegenschaft aufgrund ungeklärter Besitzverhältnisse entlang der S-Bahn-Strecke nicht ins Grundbuch eingetragen war, stellte ein Hindernis dar. Erst ein komplexes Grundstücksumlegungsverfahren änderte das 2015. Am 24. Dezember des Jahres meldete die örtliche Presse die Kaufvertragsunterzeichnung und der Käufer übernahm das Bahnhofsgebäude im Februar 2016. Nach der Sanierung beherbergt es heute ein Praxisräume im Ober- sowie ein Café im Erdgeschoss. Dessen Einrichtung spiegelt die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes wider – samt Bahnhofsuhr und Fahrkartenschalter.

Weitere Geschichten bietet die Chronik „Obertshausen – Eine Zeitreise durch unsere Heimat“, die im örtlichen Buchhandel sowie per Mail an vorstand@hgv-obertshausen.de erhältlich ist. (thh)

Die Belegschaft der Güterabfertigung am Bahnhof Obertshausen in den 1960er-Jahren.

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