Kleingärtner bekommen Anfragen auch aus der Region

Wegen Corona-Pandemie: Warteliste von Kleingärtnern wächst schneller

Geschützt vor Wind und Wetter: Im Gewächshaus des KGV-Vorsitzenden Siegfried Wilz sprießt und gedeiht das frische Grün bereits prächtig. Foto: Prochnow

Obertshausen – Mehr Gewalt- und mehr Hilfsbereitschaft, weniger Einbrüche und weniger Einkommen, viel Auslieferung und viel Vereinsamung. Die Corona-Pandemie stellt unseren Alltag auf den Kopf.

In Obertshausen führt das Virus jedoch noch mehr Interessierte als sonst zum Kleingärtnerverein: Gerade für Familien erscheint eine Parzelle mit reichlich Grün als attraktive Aussicht, dem Quarantäne-Chaos in der engen Mietwohnung zu entkommen.

Auch Bewerber aus der Umgebung - Corona treibt die Menschen in den Garten

Ein Dutzend Bewerber hat in den vergangenen Tagen schon beim Vorstand des KGV am Rembrücker Weg angeklopft. Selbst Interessierte aus Offenbach, Heusenstamm und Rodgau erkundigten sich nach Gärten. Die Bewerber aus der Umgebung musste Vorsitzender Siegfried Wilz allerdings bitten, sich an die Vereine in der eigenen Stadt zu wenden. Denn bereits vor dem Ausbruch der Pandemie standen mehr als 30 Namen auf der Warteliste des Vereins. 

Langwieriger Bewerbungsprozess - Kleingärtner schätzen Interessenten ein

Wollen Pächter ihr Grundstück abgeben, führen Vorstandsmitglieder Gespräche mit Interessenten. „Wir geben uns viel Mühe, um sie kennen zulernen“, unterstreicht Wilz und weist darauf hin, dass es sich bei dem Gelände um eine Garten-, nicht um eine reine Freizeitanlage handelt. Der Vorstand entscheidet also über Nachfolger, während Wertermittler den Preis für das frei werdende Areal nach den Vorgaben des Bundes-Kleingartengesetzes festlegen.

Ist das Geld beim Altpächter eingegangen, erhalten die „Neuen“ die Schlüssel. „So wissen wir sehr gut, wer in die Anlage kommt“, verteidigt der Sprecher das Vorgehen. Dabei bekommen Familien mit Kindern nach Möglichkeit einen Garten nahe eines Spielplatzes, ältere Menschen, die vor allem Ruhe suchen, eine weiter entfernte „Adresse“. Die Geräte für die Kleinen werden regelmäßig vom Bauhof geprüft. Jetzt sind sie mit Flatterband abgesperrt, dürfen wegen der Beschränkungen aktuell nicht genutzt werden.

Zaun-Palaver auch in Zeiten von Corona

„Wir pflegen auch jetzt noch Kontakte unter uns“, erläutert Gartenfreund Wilz, „Wir halten den geforderten Abstand und plaudern über den Zaun hinweg.“ Ihre Hauptversammlung habe die Gemeinschaft der 97 Pächter gerade noch vor der Krise abgehalten, das Wasser für die Gärten angestellt. Doch das Maibaum-Aufstellen und der geplante Ausflug Anfang Juni wurden schon abgesagt.

Jetzt hat das Führungsgremium bereits das Gartenfest Mitte Juli im Visier. Es soll eine Woche nach dem Weinfest der Stadt steigen. „Wir warten auf eine Entscheidung aus dem Rathaus“, sagt der Vorsitzende. Sollte das Kulturamt das Weinfest absagen, dann müsse das der Verein laut Wilz auch mit seinem Brauch tun. Allerdings werde jedoch bereits für 2021 geplant, wenn der KGV 50 Jahre alt wird.

Klimawandel pfuscht Kleingärtnern dazwischen

Durch die fehlenden Einnahmen von Festen müsse jedoch die Umlage der Pächter erhöht werden, etwa für das Wasser. Mit dem kühlen Nass und der warmen Frühlingssonne sprießt es auch im Gewächshaus der Familie Wilz kräftig. „Wir essen seit vier Wochen Salat, der im Herbst gesetzt wurde.“ Unter dem Kunststoff-Dach friere es nicht, anders im Hochbeet und unter freiem Himmel.

Bei Apfel-, Birn-, Kirsch- und Aprikosenbäumen gehen die Blüten auf, allein die Bienen fliegen nicht bei Kälte zum Befruchten, lehrt der Gastgeber. Über frisch bepflanzte Beete zieht der Vorsitzende ein Gartenvlies. „Das bringt zwei bis drei Grad mehr“, rette Radieschen, Kresse, Kohlrabi und Salat vor den Eisheiligen Mitte Mai. Doch, „die Nachtfröste kommen durch den Klimawandel immer früher“, beobachtet Wilz, „in diesem Jahr schon in diesen Tagen“. Auch die Trockenheit sei bereits zu spüren. Die oberen zehn Zentimeter Erde werden vom Wind ausgetrocknet.

Kreativ auch während Corona-Pandemie: Ehrenvorsitzender des Kleingärtnervereins

Für den Ehrenvorsitzenden Hans-Jürgen Möser sind Hochbeete der „Renner“. Er hat sich aus Euro-Paletten ein stabiles und günstiges zusammengeschraubt. Über Teichfolie schichtet er „alles, was im Garten anfällt“, Baumschnitt, Blätter und dazwischen Erde. Der Faulprozess des Materials erwärme und verleihe dem Salat obendrüber Kraft zum Wachsen. Bei Frost wird es abgedeckt.

Gelbe Rüben sind ausgesät, Brokkoli und Kohlrabi kommen, die ersten Radieschen und Salatköpfe sind im Hause Möser auf dem Mittagstisch gelandet. Tomaten, Gurken und Paprika werden am Dachfenster vorgezogen, gedeihen dann im Gewächshaus weiter. Der automatische „Frostwächter“ lässt bei plus zwei Grad die Heizung anspringen, an den Bodenkästen öffnet ein Zylinder einen Teil der Abdeckung, wenn’s zu warm wird.

VON MICHAEL PROCHNOW

Infos im Internet

kleingaertnerverein-obertshausen.de

Eine Familie aus Obertshausen wendet sich an die Öffentlichkeit. Gleich vier Mal haben Einbrecher dort zugeschlagen. Jetzt hofft sie auf Zeugen.

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