„Wir jonglieren jeden Tag am Limit“

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Claudia Winkler (links), stellvertretende Vorsitzende des Elternbeirats in der Kita Robert-Stolz-Straße und die Beirätin Claudia Müller demonstrierten gestern Solidarität mit den Erzieherinnen und Erziehern. Sie haben großen Respekt vor der Arbeit der Angestellten und boten sich an, bei einem Ausstand einige Kinder in der Einrichtung zu betreuen.

Obertshausen - Noch läuft alles wie gewohnt in der Kita Robert-Stolz-Straße. Doch an der nächsten Streikwelle wollen sich viele der Erzieherinnen beteiligen, beschrieb eine von ihnen die Stimmung unter den Kolleginnen. Von Michael Prochnow

Mit den Forderungen, die viele kommunale Angestellte in diesen Tagen auf die Straße tragen, können sich auch zahlreiche Eltern identifizieren: Gestern setzten Mütter des Elternbeirates ein Zeichen und banden ein Transparent an das Gebäude des Kindergartens im Hausener Süden.

„Wir solidarisieren uns mit den Streikenden“, prangt auf dem grasgrünen Tuch in großen, schwarzen Buchstaben, das nun am Balkon der Wohnung im ersten Stock flattert. „Es ist schon interessant, was allein das Wort ,Streik‘ ausgelöst hat“, gibt Claudia Winkler einen Hinweis auf die ersten Reaktionen. „Freilich sind wir froh, dass nicht gestreikt wird“, betont die stellvertretende Vorsitzende des Kita-Elternbeirats. Mit einigen Müttern erörterte sie aber schon Möglichkeiten, die Folgen eines Ausstands abzufedern. So würden Mitglieder des Beirats einen Notdienst anbieten.

Sprecherin Winkler ist vom Fach, war in der Metall- sowie in der chemischen Industrie im Arbeits- und Umweltschutz tätig, heute arbeitet sie für die Bahn. „Vergleichbares gibt es in Einrichtungen zur Kinderbetreuung nicht“, trägt sie die Forderungen des Kita-Personals mit, die klare Regelungen zum Schutz ihrer Gesundheit anmahnen. Den Erzieherinnen gehe es darüber hinaus um eine bessere Entlohnung und damit um eine höhere Wertschätzung ihrer Tätigkeit, ergänzt die Beirätin Claudia Müller.

„Wir haben hier ganz hervorragende Kräfte“, lobte sie, „wir Eltern wissen, dass sie eine ausgesprochen professionelle Arbeit leisten“. Und das, obwohl sich die Bedingungen im Kindergarten ständig verschlechtern. In den vergangenen Jahren kamen die Zwei- und Dreijährigen hinzu, die mehr Zuwendung und Begleitung brauchten, erläuterte eine Mitarbeiterin. Immer wieder müsse einer der Knirpse in den Arm genommen werden. „Früher war in der Familie stets einer greifbar, wenn ein Kind Trost brauchte“, skizziert sie ein Beispiel, „das suchen sie heutzutage bei uns - und das schlaucht“.

Sprachförderung sei daneben der Hauptauftrag der Einrichtungen. Selbst Kinder Einheimischer brauchten hier oft eine intensive Förderung. Eine Konsequenz wäre, die Gruppen zu verkleinern - was ab Oktober durch die Aufstockung der Quote erreicht werden soll. Dann müssten zwei Erzieherinnen statt 1,5 Stellen pro Gruppe bereitstehen.

In manchen Kitas verbreite sich der Schall durch die Architektur noch stärker, da sei es im Haus in der Stolz-Straße noch angenehm. Doch immer mehr der Frauen klagen über Rückenschmerzen, Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Tinnitus, Stress, Kopfschmerzen, hohen Blutdruck, Kreislaufbeschwerden und einem Burn-Out-Syndrom.

Vieles müssen Erzieher auffangen, so die Kollegin. Es gebe kaum noch Großfamilien, dafür mehr Alleinerziehende und Kinder, die eine Trennung verarbeiten müssten. Der Druck am Arbeitsplatz von Mutter oder Vater färbe auf den Nachwuchs ab, zusätzliche Gespräche, Beratungen seien nötig. „Das ist unser pädagogischer Anspruch“. „Früher hat die Oma Lieder mit den Kleinen gesungen, im Garten nach Blumen geguckt“, heute würde oft nur das nächste Event abgespult, der Ausflug in den Freizeitpark geplant. „Man ist froh, wenn das Kind mal vor dem Fernseher hockt“. Als Folge fehle Kindern die Selbstständigkeit, sie brauchen Begleitung bei Essen und Hygiene.

Die Arbeit einer Erzieherin sei wesentlich anspruchsvoller geworden. „Wir jonglieren jeden Tag am Limit, um alle Bedürfnisse mit dem Personalstand abzudecken“. Es sei ein Teufelkreis, denn die Belastung „landet ja wieder bei den Kindern“. Vielleicht würde eine betriebliche Kommission helfen. „Aber die kommen ja nur zum Sommerfest“

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