Ein Mann voller Tatendrang

Wolfgang Krastel kümmert sich seit Jahren um Flüchtlinge

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Wolfgang Krastel (rechts) engagiert sich seit vielen Jahren ehrenamtlich in der Kleinstadt mit Herz.

Obertshausen - Es ist das Jahr 2015, als die große Flüchtlingswelle Deutschland erreicht und die Bundeskanzlerin mit ihrem Aufruf „Wir schaffen das!“ polarisiert. Heute steht fest: Ohne Menschen, wie Wolfgang Krastel aus Obertshausen wäre es niemals zu schaffen. Von Julia Jäger

Als vor drei Jahren zahlreiche Menschen in Deutschland Zuflucht suchen, erzählt Wolfgang Krastels Mutter von ihrer Flucht aus Schlesien im Jahre 1947. Dabei sind ihr vor allem die anfänglichen Schwierigkeiten in der neuen hessischen Heimat in Erinnerung geblieben. Ihr Sohn beschließt in diesem Moment, den Flüchtlingen Unterstützung zu bieten, die nun ebenfalls vor dieser Herausforderung stehen. Wolfgang Krastel fährt zu den Containern am Schwimmbad, in denen die geflüchteten Menschen damals untergebracht sind. Doch beim ersten Anlauf macht er einen Rückzieher und dreht wieder um. Zu groß ist der Respekt vor der Situation, die hier auf ihn wartet. Es sei schließlich eine große Verantwortung, Menschen in einer existenziellen Lebenslage zur Seite zu stehen, erklärt er. Da müsse man voll und ganz dahinterstehen und „wenn ich was mache, dann mache ich es hundert Prozent oder gar nicht“, fügt er hinzu.

Schließlich ist sein Tatendrang stärker als die Angst und so bricht er erneut zur Flüchtlingsunterkunft auf. Diesmal geht er hinein und stellt sich vor mit den Worten: „Hier bin ich!“. Seitdem betreut der 68-Jährige gemeinsam mit seiner Frau drei junge Männer aus Afghanistan. „Und mittlerweile sind diese Jungs Freunde oder sogar Familienmitglieder geworden“, erzählt er stolz. Die Krastels feiern mit ihnen Weihnachten und Silvester, organisieren Ausflüge und haben stets ein offenes Ohr und eine offene Tür. Doch der Ehrenamtliche unterstützt die Flüchtlinge noch viel weitreichender. Er begleitet sie bei Behördengängen, gibt Deutschkurse und kümmert sich vor allem darum, dass sie Beschäftigung haben.

So hat Krastel eine Datenbank erstellt, in denen die Fähigkeiten und Eignungen aller Geflüchteten in Obertshausen hinterlegt sind. Mit diesen Informationen versucht er, Arbeitsstellen, Ausbildungsplätze oder Praktika zu vermitteln. Er gründete außerdem eine Facebookgruppe, in der Flüchtlinge und Arbeitgeber zusammengebracht werden können. Seine Mühe zahlt sich aus: Rund 50 Beschäftigungsverhältnisse konnten schon vermitteln werden. Auch seinem persönlichen Wunsch kommt er damit immer näher: „Ich wünsche mir für die Zukunft, dass sich die Jungs alleine und selbstständig in der deutschen Gesellschaft bewegen können. Dass sie als das akzeptiert werden, was sie sind, ohne als Flüchtlinge abgestempelt zu werden.“

Bis es soweit ist, wird es allerdings noch ein paar Jahre dauern, weiß der Obertshäuser. Die Stadt habe die Situation inzwischen gut organisiert. Sechs Hauptamtliche und rund 80 Ehrenamtliche sind in Obertshausen für etwa 330 Flüchtlinge zuständig. Da inzwischen jedoch alles problemlos laufe, bestehe nun die Gefahr, „dass nicht mehr wahrgenommen wird, wie viele Aufgaben noch immer anstehen“, betont Krastel. Er wünscht sich daher mehr Interesse und Aufmerksamkeit für die Belange der Flüchtlinge.

Fluchterfahrungen von Prominenten und Künstlern

Wolfgang Krastel spricht mit beispielloser Selbstverständlichkeit von seinem Engagement. Der 68-Jährige ist noch immer berufstätig, engagiert sich nebenbei auch bei den Bürgern für Obertshausen. „Das alles funktioniert, weil ich einen guten Zeitplan habe und nicht auf einen Acht-Stunden-´Tag achte“, erzählt er lachend. Er könne einfach nicht still sitzen und versuche, so viel wie möglich aus seinem Leben herauszuholen.

Wenn er sich noch einmal entscheiden müsste, würde er jederzeit wieder zur Flüchtlingsunterkunft am Schwimmbad fahren, „weil die letzten Jahre mir unglaublich viel gegeben haben.“ Durch die Arbeit mit seinen Jungs habe er nicht nur andere Kulturen kennengelernt, sondern auch verstanden, wie man es schaffen kann, kulturelle Differenzen zu überbrücken. Dabei sei es die größte Herausforderung, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen.

Das ist Wolfgang Krastel gelungen, weil er immer ehrlich, zuverlässig und realistisch im Umgang mit den Geflüchteten geblieben ist. Er habe nie ein Versprechen gegeben, das er dann nicht halten konnte. Der Respekt, den er den Menschen entgegenbringt, wird auch ihm zuteil. „Was ihr Christen für uns Fremde macht, das tut im Islam niemand für die eigene Familie“, hat ein Geflüchteter mal zu ihm gesagt. In einem solchen Moment wird Wolfgang Krastel für sein unermüdliches und selbstloses Engagement belohnt.

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