1. Startseite
  2. Region
  3. Rodgau

Aus der Traum vom Ärztehaus „Medicum Rodgau“

Erstellt:

Von: Ekkehard Wolf

Kommentare

Anstelle eines Ärztezentrums entstehen Wohnungen. Mit den beiden Kopfbauten erhält die Untere Marktstraße einen städtebaulichen Abschluss.
Anstelle eines Ärztezentrums entstehen Wohnungen. Mit den beiden Kopfbauten erhält die Untere Marktstraße einen städtebaulichen Abschluss. © Luftbild: Häsler

Nieder-Roden - Das Projekt „Medicum Rodgau“ ist gestorben. Das medizinische Kompetenzzentrum am Puiseauxplatz wird nicht gebaut. Statt der versprochenen Arztpraxen will die Werkmann-Gruppe (Dietzenbach) nun Wohnungen errichten. Von Ekkehard Wolf

Sogar die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) kam nach Nieder-Roden, um sich medienwirksam über das Projekt des medizinischen Kompetenzzentrums zu informieren. Das Foto vom September 2008 zeigt sie im Gespräch mit dem damaligen Bürgermeister Alois Schwab (rechts). Mit im Bild: Erster Stadtrat Michael Schüßler, Rödermarks Bürgermeister Roland Kern und der Arzt Dr. Ingomar Naudts (Mitte).
Sogar die damalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) kam nach Nieder-Roden, um sich medienwirksam über das Projekt des medizinischen Kompetenzzentrums zu informieren. Das Foto vom September 2008 zeigt sie im Gespräch mit dem damaligen Bürgermeister Alois Schwab (rechts). Mit im Bild: Erster Stadtrat Michael Schüßler, Rödermarks Bürgermeister Roland Kern und der Arzt Dr. Ingomar Naudts (Mitte). © Wolf

Als Wertausgleich für die subventionierten Grundstücke will sie 181.350 Euro an die Stadt bezahlen. Der Magistrat empfiehlt, das Geld anzunehmen. Erster Stadtrat Michael Schüßler: „Das ist für alle Beteiligten eine Form der Schadensbegrenzung.“ Ein unrühmliches Kapitel der örtlichen Politik geht zu Ende. „Wir müssen uns dem Thema stellen, und zwar alle“, sagt Schüßler. „Wir waren alle dabei, weil es alle mitgetragen haben: manche euphorisch, manche zähneknirschend.“ Im Ergebnis sei das Medicum „ein gewolltes, aber nicht gekonntes Projekt“. Es geht um ein städtebauliches Filetstück, nämlich um die Fläche von der S-Bahn-Station Nieder-Roden in Richtung Puiseauxplatz. Ein modernes Ärztehaus voller Fachmediziner, Therapeuten und mit einer 24-Stunden-Apotheke sollte das Entree zu einem neuen, urbanen Ortszentrum sein. Die S-Bahn hätte Patienten aus nah und fern bis kurz vor die Praxistür gebracht. Und mit der Abwanderung der Fachärzte wäre es endlich vorbei gewesen. Mehr Laufkundschaft hätte auch den Geschäften am Puiseauxplatz gutgetan. Vielleicht wäre das Medicum der Frequenzbringer geworden, auf den die örtliche Geschäftswelt seit Jahren wartet?

Erster Spatenstich im Mai 2012: Bauherr Uwe Werkmann agiert auf diesem Bild als Zweiter von links.
Erster Spatenstich im Mai 2012: Bauherr Uwe Werkmann agiert auf diesem Bild als Zweiter von links. © Pelka

Viele Hoffnungen und Erwartungen verbanden sich mit dem medizinischen Kompetenzzentrum (MKZ), das erst später den gefälligeren Namen „Medicum“ erhielt. Uwe Werkmann und seine Fürsprecher vor Ort nährten diese Hoffnungen nach allen Regeln der Kunst. Zeitweise erweckten sie den Eindruck, die Praxisräume seien schon zur Hälfte vermietet. Sogar die damalige Bundesgesundheitsministerin Ursula Schmidt (SPD) kam ins beschauliche Rodgau, blickte vor laufender Kamera in die Pläne und tönte, den medizinischen Kompetenzzentren gehöre die Zukunft. Wegen der Größenordnung des Vorhabens forderte der damalige Bürgermeister Alois Schwab eine europaweite Ausschreibung. In der künstlich forcierten Aufbruchstimmung erschien er damals wie ein Bremser. Am Ende des zeitraubenden und teuren Verfahrens gab es nach wie vor nur einen einzigen Interessenten: Uwe Werkmann.

Etwa ein Jahrzehnt später gibt es weder zusätzliche Fachärzte noch ein florierendes Geschäftsleben, aber immerhin ein Parkdeck an der S-Bahn, das meistens leer steht. Am Kopfende der Unteren Marktstraße errichtete Werkmann einen Querbau mit 19 Eigentumswohnungen. Daneben will er nun einen weiteren Gebäuderiegel mit 35 Wohnungen setzen. Noch vor dreieinhalb Jahren hatte er ein Ärztehaus mit zwölf Praxen avisiert. Davon ist jetzt keine Rede mehr. Wenn man sich bemüht, kann man darin trotzdem etwas Positives sehen. „Städtebaulich erhalten wir an dieser Stelle einen Abschluss – das darf man nicht gering schätzen“, sagt Erster Stadtrat Michael Schüßler. Seit Jahrzehnten blicke man von der Bahn auf eine verputzte Brandmauer. Damit sei es wohl bald vorbei.

Als „Schwimmbad“ wurde das Parkhaus in der Fastnacht 2012/13 verspottet. Die Bauarbeiten stoppten länger als ein Jahr. -  Foto: eh
Als „Schwimmbad“ wurde das Parkhaus in der Fastnacht 2012/13 verspottet. Die Bauarbeiten stoppten länger als ein Jahr. © eh

Vor achteinhalb Jahren hatten die Stadt Rodgau und Uwe Werkmann die Verträge über das Medicum geschlossen. Der Investor verpflichtete sich, innerhalb bestimmter Fristen das Gebäude mit mindestens 50 Prozent medizinischer oder medizinnaher Nutzung zu errichten. Die Stadt verkaufte ihm die Grundstücke dafür billiger: 300 statt 390 Euro pro Quadratmeter. Diese Differenz will Werkmann nun zurückzahlen – im Einklang mit dem Vertrag, wie Schüßler betont. Die Stadtverordnetenversammlung sei gut beraten, diesem Ansinnen zuzustimmen. Der Vertrag habe eine Laufzeit von zehn Jahren. Danach könne der Investor bauen, „was der Bebauungsplan hergibt“, und zwar ohne jegliche Ausgleichszahlung.

Das Ziel der Ärzte-Ansiedlung sei nicht erreicht worden, merkt Sozialdezernent Michael Schüßler selbstkritisch an: „Wir haben uns auf eine Idee draufheben lassen.“ Er bezeichnet das Geschehene als „ein Beispiel, wie man es nie wieder machen würde“. Es sei nicht sinnvoll, im Nachhinein noch Schuldige zu suchen. In diesem Fall gebe es viele Verlierer, allen voran „die Gremien der Stadt, die glaubten, sie könnten die Ansiedlung von Ärzten beeinflussen“. Aber auch der Investor und Teile der Ärzteschaft hätten an Reputation eingebüßt, weil die avisierten Mietabschlüsse nicht zustande kamen.

Lesen Sie dazu auch:

Ärzte-Versorgung: Bessere Bedingungen schaffen

Kulturdezernent Winno Sahm bezeichnet den Fall als Lehrstück: „ein klassisches Beispiel dafür, wie öffentlicher Druck auf die Kommunalpolitik erzeugt wird, sodass sie keine Handlungsalternative mehr hat“. Daran habe auch die Berichterstattung und Kommentierung in der Presse ihren Anteil. Er hoffe, „dass wir nun auch gemeinschaftlich im Scheitern eine gewisse Solidarität zeigen und dass es keinen gibt, der im Nachhinein nicht dabei gewesen sein will“.

Das Abenteuer „Medicum“ hätte nach Einschätzung der hauptamtlichen Magistratsmitglieder für die Stadt auch schlimmer ausgehen können. Erster Stadtrat Michael Schüßler erinnert an den Stillstand beim Bau des Parkhauses, das seinerzeit von Fastnachtern als „Schwimmbad“ verspottet wurde. Wenn es damals zum endgültigen Aus des Projekts gekommen wäre, hätte die Stadt 46 öffentliche Parkplätze auf eigene Kosten wieder herstellen müssen. Winno Sahm: „Eine einfache Insolvenz hätte genügt.“

Auch interessant

Kommentare