Guttempler zeigen Wege zu „zufriedener Abstinenz“

Alkohol ist der größte Feind

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„Zufriedene Abstinenz“ leben die Guttempler in ihrer Rodgauer Gemeinschaft Lauterborn. Immer am Freitagabend treffen sie sich Betroffene und Angehörige im Sozialzentrum am Bürgerhaus in Weiskirchen.

Rodgau – Friede, Selbststimmung, Gerechtigkeit – jede demokratische Partei in der westlichen Welt könnte diese Werte in ihr Programm schreiben. Wohl vertraut sind sie auch einer Gruppe Menschen, die sich jeden Freitagabend im Sozialzentrum am Bürgerhaus in Weikirchen trifft. Von Karin Klemt

Bekannt sind die Guttempler zwar zu Recht als Selbsthilfeorganisation für Alkoholabhängige und ihre Angehörigen, ihre Wurzeln aber hat die globale Gemeinschaft im amerikanischen Idealismus des 19. Jahrhunderts. Willibald Sahm war 38 Jahre alt, als er die heutige Rodgauer Guttemplergemeinschaft am 6. Mai 1973 mit einigen Getreuen ins Leben rief. In Offenbach gab es damals schon eine Gruppe, der er angehörte, er und sieben weitere Mitglieder wollten aber eigene Wege gehen. Nach dem Offenbacher Stadtteil nannten die Gründer ihre neue Gemeinschaft „Lauterborn“, und so heißt sie bis heute. Erst später wurde den Pionieren klar, dass ihr damaliger Treffpunkt eigentlich in Tempelsee lag.

Heute kann sich Sahm, 83 Jahre alt und noch immer Sprecher der lokalen Guttempler, über den geografischen Lapsus amüsieren. Stolz macht den Veteranen, was aus seiner Initiative geworden ist. „Lauterborn“ ist Teil eines weltweiten Netzwerks, das allein im Kreis Offenbach zehn örtliche Gemeinschaften umfasst. Über 50 sind es in Hessen. In Frankfurt-Sachsenhausen gibt es an der Metzlerstraße ein zentrales Guttemplerhaus für Fortbildungen, Vorträge, gesellige Treffen, Beratung und Therapie. Sogar einen eigenen Chor haben die hessischen Guttempler. Auf Landesebene sind sie laut Monika Körtge, die sich in Weiskirchen und auf Kreisebene engagiert, ein eingetragener gemeinnütziger Verein.

Sich selbst und anderen helfen – für die Ideale der Guttempler engagiert sich in Rodgau auch Monika Körtge.

Ziele, Methoden und die drei überlieferten Prinzipien – Enthaltsamkeit, Brüderlichkeit und Frieden – sind nach ihren Worten für mehr als eine halbe Million Guttempler in über 60 Ländern gleich. Aktuell zählt die Rodgauer Gruppe 31 Mitglieder. Die Fürsorge der Gemeinschaft gilt allen gleichermaßen und besteht zunächst einmal im Zuhören. „Wer seine Geschichte erzählen kann, fühlt sich schon viel wohler“, weiß Willibald Sahm aus jahrzehntelanger Erfahrung. Sei der Druck erst einmal weg oder zumindest gemildert, reife leichter der Entschluss, das eigene Leben wieder in die Hand zu nehmen. Ziel: „Zufriedene Abstinenz“.

Dafür müsse sich jeder persönlich entscheiden, betont Sahm. Die Gruppe zeige Wege aus der Sucht und könne Rückhalt geben, am Anfang aber stehe immer der eigene Entschluss. „Will ich mich weiter selbst bemitleiden und anderen die Schuld an meiner Lage geben, oder will ich mich verändern?“, spitzt eine Betroffene die Frage zu. Verändern heiße auch, sich harten Wahrheiten zu stellen. Die Rückkehr ins alte Umfeld nach der Therapie erhöhe das Rückfall-Risiko ebenso wie Passivität. Die Gruppe helfe dabei, sich auch weiter mit den Gründen der Abhängigkeit auseinander zu setzen und gebe Rückendeckung auf dem Weg zurück ins Leben nach Entgiftung und Therapie – etwa wenn es gilt, eine Veranstaltung oder ein Lokal zu besuchen.

Die nötige Kraft schöpfen Guttempler nicht zuletzt aus ihrem kosmopolitischen Fundament und ihren humanitären Zielen. 1851 in den USA gegründet und seit 1889 auch in Deutschland aktiv, betont die Bewegung die selbstbestimmte Lebensführung als ein Menschenrecht. In Deutschland kooperiert sie mit den Krankenkassen, dem paritätischen Wohlfahrtsverband und Hilfsorganisationen wie der Caritas und dem Suchthilfezentrum Wildhof.

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Global unterstützen Guttempler die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei Kampagnen für Suchtprävention und sozialen Projekten auf allen Kontinenten, fordern bei Regierungen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen Zugangsbeschränkung zu legalen Drogen ein.

Alkohol ist dabei noch immer der größte, längst aber nicht mehr der einzige Feind: Ausdrücklich bietet etwa die Gemeinschaft „Lauterborn“ auch Drogen-, Medikamenten- oder Mediensüchtigen ihre Hilfe an. Aktive wie Monika Körtge schulen sich dafür bei Fortbildungen im Guttemplerhaus, besuchen interessante Experten-Vorträge bei anderen Gemeinschaften und lernen, entsprechend der bewährten Guttempler-Methode, nicht zuletzt von Betroffenen.

Das erworbene Wissen wappnet Körtge unter anderem für ihre Arbeit am „blauen Telefon“. Drei- bis viermal monatlich tut sie Dienst am Nottelefon Sucht, das hessenweit rund um die Uhr unter Tel.: 0180/3652407 erreichbar ist. Einmal pro Monat berät sie im Offenbacher Sana-Klinikum.

Gelegentlich finden Betroffene auf diesen Wegen zur Gemeinschaft „Lauterborn“, die meisten aber suchen sich den Kontakt im Internet: „Die Leute googeln einfach Sucht und finden uns gleich“, sagt Monika Körtge. Trotz niedriger Schwellen habe das Interesse an den ehrenamtlichen Guttemplern in den vergangenen Jahren abgenommen. „Es gibt jetzt mehr professionelle Angebote“, meint die Beraterin: „Das sieht für viele einfacher aus, nützt aber wenig, wenn die innere Einstellung fehlt.“  

Nottelefon Sucht

Das „blaue Telefon“ der Guttempler ist rund um die Uhr unter Tel.: 0180/3652407 erreichbar.

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