Landgericht bestätigt Urteil gegen gewalttätigen Rodgauer

„Man hat mich ruiniert – oder ich mich selbst“

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Symbolbild

Rodgau - Drei Jahre nach dem Angriff auf einen Ladenbesitzer in der Rodgau-Passage muss ein 51-jähriger Rodgauer ins Gefängnis. Das Landgericht Darmstadt bestätigte das Offenbacher Urteil vom Dezember: ein Jahr Haft ohne Bewährung. Von Ekkehard Wolf

Nach zwei Verhandlungstagen sah die fünfte Strafkammer unter Vorsitz der Richterin Barbara Bunk keinen Grund für eine verminderte Schuldfähigkeit. Dazu trug auch das psychiatrische Gutachten von Dr. Volker Hofstetter aus Haina bei: Trotz einer paranoiden Persönlichkeitsstörung sei der Angeklagte voll schuldfähig. Das Gericht in Offenbach hatte den Mann wegen Beleidigung, Sachbeschädigung, versuchter Körperverletzung und Hausfriedensbruch zu einem Jahr Freiheitsstrafe verurteilt. Da er weder Reue noch Therapiebereitschaft zeige, könne die Strafe nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Dieser Einschätzung folgte die zweite Instanz nach umfangreicher Beweisaufnahme. Fast alle Zeugen mussten noch einmal aussagen. Manche von ihnen erlebten dabei, wie sich Erinnerungen im Lauf der Zeit verändern. Verwundert hörte ein 24-Jähriger, welch konkrete Beobachtungen er im August 2015 der Polizei geschildert hatte. Drei Jahre später erinnerte er sich nur noch unscharf an lautes Geschrei, einen umgestürzten Werbeständer und einen weglaufenden Mann.

Vor seiner Flucht hatte der Täter einen Geschäftsinhaber in der Rodgau-Passage bedroht: „Ich bringe dich um.“ Bereits einige Monate zuvor hatte er die Wohnung des Ladenbesitzers verwüstet. Angeblich ging es in beiden Fällen um Mietrückstände. Nach dem rabiaten Einbruch zog der Händler in ein Hotel. Der Täter kam wegen Fremdgefährdung in die Psychiatrie, seine Mutter beglich den Schaden. Mehrere Zeugen schildern den Mann als bedrohlich, aggressiv und angsteinflößend. Er selbst beschreibt sich vor Gericht als einen Menschen, dem seit seiner Jugend übel mitgespielt wird. Ob vergeigter Schulabschluss oder abgebrochene Berufsausbildungen – immer sind andere schuld. Die eigene Firma muss er nach 20 Jahren aufgeben: „Ob ich mich noch mal selbstständig machen kann, wage ich zu bezweifeln. Man hat mich ruiniert – oder ich mich selber.“

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Auch die Ehe verläuft in einem Auf und Ab, wie beide Partner vor Gericht aussagen. Die Ehefrau ruft die Polizei und flieht ins Frauenhaus, als ihr Mann gegen sie die Hand erhebt. Zeugen berichten, sie habe im ganzen Ort von Schlägen erzählt. „Er hat mich nie geschlagen“, beteuert sie vor Gericht. Gleichzeitig schildert sie ihn als fordernd und latent aggressiv. Zwei weitere Kinder werden gezeugt und geboren, das jüngste ist zeitweise bei der Gerichtsverhandlung dabei. Die Ehe besteht weiter, obwohl der Mann meistens bei seiner Mutter lebt.

„Ich weiß nicht, wie ich dran bin. Manchmal soll ich da sein und manchmal wieder nicht“, sagt der Angeklagte über seine Ehe. „Ich werd‘ ständig aus dem Sattel gerissen.“ Auch mit den Nachbarn gibt es Ärger – seit Jahren schon: „Die sind halt immer gegen mich, ich weiß nicht, warum.“ Die Nachbarn fühlen sich bedroht. Nach einem Vorfall mit einem Vorschlaghammer erwirken sie eine richterliche Anordnung, dass der Angeklagte auf Abstand bleiben muss. Weil er sich nicht daran hält, muss er 10.000 Euro Ordnungsgeld zahlen. Aber wovon? Seine Firma besteht zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr.

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Wovon er in den letzten fünf Jahren gelebt hat? „Von der Mutter“, sagt diese von hinten – und wird von der Richterin darauf hingewiesen, dass Zuhörer still sein müssen. Die Mutter ist in den Siebzigern. Seit einem Schlaganfall kümmert sich eine Betreuerin um ihre Belange. Die Betreuerin berichtet von hohen Schulden, die mehrfach aufgestockt worden seien. Mieteinnahmen und Rente reichten nicht aus, um die laufenden Kosten zu bedienen. Drei der vier Mieterinnen seien ausgezogen; zwei von ihnen hätten Angst um ihr Leben.

Wenn er Geld wolle, verhalte sich der Angeklagte ihr gegenüber umgänglich, sagt die Betreuerin, ansonsten sei er „beleidigend, abwehrend, arrogant“. Zwei Minuten später unterbricht Verteidiger Mario Galvano die Zeugenaussage der Betreuerin, obwohl er noch nicht an der Reihe ist: „Lauter Falschaussagen, irgendwann reicht‘s!“ Auch die Betreuerin wird laut. Die vorsitzende Richterin fährt dazwischen: „Sie können sich gerne auf der Straße anschreien, aber nicht in meinem Gerichtssaal.“ Auch der Angeklagte geht die Betreuerin seiner Mutter mit einem Zwischenruf an, lässt sich aber mit einer Handbewegung schnell zur Ruhe bringen.

Nach zwei langen Verhandlungstagen bestätigt die fünfte Strafkammer des Landgerichts das Urteil der ersten Instanz. Für den Verurteilten hat sich die Berufung nicht gelohnt. Jetzt kann er noch in Revision gehen, falls er das Urteil auf Rechtsfehler überprüfen lassen will. Eine erneute Beweisaufnahme fände dann aber nicht mehr statt.

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