Sicherheit geht vor:

Berufskleidung: Schwitzen ist Pflicht

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Dicke Jacken, lange Hosen und knöchelhohe Stahlkappenschuhe: Notfallsanitäter Alex Matin (links) und Rettungssanitäter Christian Kappel (rechts) von der Johanniter-Unfall-Hilfe sind gut ausgerüstet. An gefährlichen Einsatzstellen besteht Helmpflicht. Wenn sie zu einem häuslichen Notfall gerufen werden, dürfen sie die Jacken ausziehen.

Rodgau - Bei der Arbeit kommt man in diesen Tagen besonders ins Schwitzen. Das gilt nicht nur für traditionell heiße Arbeitsplätze wie Bäckerei oder Döner-Imbiss. Auch die Berufskleidung wärmt oft mehr, als einem im Sommer lieb sein kann. Von Ekkehard Wolf

Ein klassisches Beispiel sind die Bärenfellmützen der königlichen Garde in London. Aber auch in Rodgau müssen sich viele Leute warm anziehen – ob sie wollen oder nicht.

Mit die wärmste Kleidung tragen Einsatzkräfte der Feuerwehr – und zwar ausgerechnet bei ihren heißesten Einsätzen. Die dicke Feuerschutzkleidung aus Nomex soll ihren Träger vor Flammen und Hitze schützen. Allerdings leitet sie auch die Körperwärme nicht nach außen ab. „Dafür müssen wir im Winter nicht schwitzen“, sagt Stadtbrandinspektor Andreas Winter.

Noch unangenehmer sind die Vollschutzanzüge für Chemie-Einsätze. Darin gart man sozusagen im eigenen Saft. Schon nach wenigen Minuten ist man nassgeschwitzt. Winter: „In 20 Minuten schwitzt man so viel wie sonst an einem Acht-Stunden-Tag.“ Wer sich nach getaner Arbeit aus der Folie pellt, braucht zuerst nur eines – Wasser!

Im Rettungsdienst der Johanniter-Unfall-Hilfe sind lange Hosen und Stahlkappenschuhe Pflicht. „Um die langen Hosen kommen wir nicht herum, wir haben ja auch mit Körperflüssigkeiten zu tun“, sagt Rettungsdienstleiter Christian Keller. Am Unfallort müssen die Retter zusätzlich eine lange Schutzjacke tragen: „Da gibt es scharfe Kanten, da fliegen auch mal Teile durch die Gegend“, so Keller. Reflexstreifen an der Dienstkleidung sorgen dafür, dass die Einsatzkräfte auch bei Dunkelheit nicht zu übersehen sind.

Wenn die Rettungsassistenten und -sanitäter zu Notfällen ins Haus kommen, können sie die Jacke im Auto lassen. Dann tragen sie im Sommer Poloshirts mit kurzen („halben“) Ärmeln. Eine Klimaanlage im Rettungswagen ist seit vielen Jahren vorgeschrieben. „Man kann drin arbeiten, aber es ist trotzdem noch warm“, sagt Keller, „schließlich steht der Rettungswagen im Ernstfall meistens nicht im Schatten.“

Etwas leichter haben es die Pflegekräfte der Sozialstation Rodgau gGmbH, wie Geschäftsführer Stefan Jaud berichtet: „Alles, was den Mitarbeitern das Leben erleichtert, kann angewandt werden.“ Schon beim Einkauf der Dienst-T-Shirts achte man auf atmungsaktive Stoffe, in denen man nicht zu sehr schwitzt. „Aber lange Hosen müssen sein, auch zum Schutz der Mitarbeiter.“ Das Stichwort heißt Körperflüssigkeiten – wie bei den Johannitern. Selbstverständlich ist für den ambulanten Pflegedienst, dass jedes Dienstauto über eine Klimaanlage verfügt: „weil das Auto ein Arbeitsplatz ist“, so Jaud.

Von luftiger Kleidung können Schornsteinfeger nur träumen. Ihre Arbeitskleidung besteht zwar aus Baumwolle, aber der Stoff ist dicht gewebt und dazu noch öl- und rußfest behandelt. Das betrifft sowohl die Jacke, die man Koller nennt, als auch die Hose. „Ich habe mal meinen Koller in den Garten gelegt und ein Temperaturmessgerät darunter: 53 Grad“, berichtet Schornsteinfegermeister Friedel Klein. Winter- und Sommerkleidung unterscheiden sich nur dadurch, dass die Winterkleidung gefüttert ist. Luftig sind beide nicht.

„Wir dürfen die schwarze Kluft vonseiten der Berufsgenossenschaft nicht ablegen“, betont Klein. Der schwere Stoff soll die Haut vor gesundheitsschädlichem Ruß und Staub schützen. Deshalb müssen Schornsteinfeger beim Kehren auch Handschuhe tragen. Kleins Rezept für die Sommerhitze heißt: „So wenig Sonne wie möglich.“ Er trägt eine Kopfbedeckung, erledigt vorzugsweise Arbeiten im Keller und versucht, die heiße Mittagszeit zu meiden. Das rät er auch seinen Mitarbeitern: „Lieber mal früher Feierabend machen.“ Das A und O an heißen Tagen sei, viel zu trinken: „Drei Liter am Tag sind wenig.“

Ganz in Schwarz ist auch die Dienstkleidung der evangelischen Pfarrer – aber nur zu zeremoniellen Anlässen wie Gottesdiensten, Beerdigungen und Trauungen. „Ein normaler Ortspfarrer trägt seinen Talar zwei- bis dreimal pro Woche“, schätzt Pfarrer Benjamin Graf in Nieder-Roden. Bei ihm ist es seltener, weil er sich die Gottesdienste mit seinem Kollegen Ralf Feilen teilt.

Das knöchellange Gewand mit den weiten Ärmeln ist auch ein Thema in der Ausbildung. Im theologischen Seminar in Herborn nehme man sich immer ein paar Stunden Zeit, um über Talare zu sprechen, berichtet Graf.

Ein Talar ist eine Anschaffung für viele Jahre, manche Pfarrer behalten ihn ihre ganze Laufbahn lang. Es gibt unterschiedliche Schnittmuster und Stoffe. Die Preise liegen etwa zwischen 500 und 700 Euro, die evangelische Landeskirche gibt einen Zuschuss zum Kauf.

Wie warm ist die Einsatzkleidung der Feuerwehr wirklich? Der Autor dieses Beitrags probierte es aus und zog den sieben Kilogramm schweren Nomex-Anzug an. Wenige Minuten später waren T-Shirt und Socken nassgeschwitzt. -  Foto: Feuerwehr

Die Gewandmeisterei Wasmer in der Gemeinde Issigau (Oberfranken), die auch Roben für Juristen und Professoren schneidert, bietet aus aktuellem Anlass einen speziellen Sommertalar an. Der Stoff besteht aus leichter Merino-Wolle. „Wir verarbeiten hier ausschließlich Wollstoff vom einjährigen Schaf, das die dünnste Faser liefern kann. Dieser Stoff hat ein Gewicht von nur 260 Gramm pro laufenden Meter“, schreibt das Unternehmen auf seiner Internetseite.

Obwohl der Talarstoff nicht übermäßig wärmt, kann es dem Pfarrer beim Sonntagsgottesdienst warm werden: Im Gemeindezentrum am Puiseauxplatz staut sich die Hitze unter dem Dach. Für den Küster bedeutet das, mindestens eine halbe Stunde lang durchzulüften. „In Kirchen ist das weniger ein Problem“, weiß Benjamin Graf.

Von der Wärmewirkung her vergleichbar ist die berufstypische Kleidung eines Bestatters: Schwarze Anzüge gibt es auch aus leichten, atmungsaktiven Stoffen.

Wenig Freude an ihrer Arbeitskleidung dürften derzeit die Arbeiter der Stadtwerke Rodgau haben, wenn sie in der Sonne unterwegs sind. Die schwarzen Sachen mit neonfarbenen Applikationen mögen schick aussehen – aber kühl sind sie sicher nicht.

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