„Zwölf Stunden Hohler Buckel“

Gipfelstürmer im Rennradsattel

+
Bergauf und bergab für eine gute Sache: 250 Rennradfahrer strampelten gestern mit „Besi & Friends“ und sammelten Spenden für Multiple-Sklerose-Kranke. Für jeden Höhenmeter fließen Cent- und Eurobeträge an die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung.

Rodgau / Alzenau - Bergauf und bergab für eine gute Sache: 250 Rennradfahrer strampelten gestern mit „Besi & Friends“ und sammelten Spenden für Multiple-Sklerose-Kranke. Für jeden Höhenmeter fließen Cent- und Eurobeträge an die Nathalie-Todenhöfer-Stiftung. Von Ekkehard Wolf 

Die genaue Spendensumme steht noch nicht fest. Fünfstellig ist sie aber auf jeden Fall: Bereits um 17 Uhr zeigte die Spendenuhr 21.406 Euro an.

„Gib alles!“ – „Auf Mädels, lasst’s krachen!“ – „Super, bravo!“ Andreas Beseler aus Jügesheim steht am Straßenrand und feuert die Fahrer an. „Besi“, wie ihn hier alle nennen, kann diesmal nicht mitfahren. Nach einem lebensgefährlichen Unfall und mehreren Operationen hat er die Reha für ein paar Stunden unterbrochen, um die Fahrer zu motivieren. Körperlich steht er zwar am Rand, aber mit dem Herzen ist er mittendrin.

Es ist 6 Uhr früh am Ortsrand von Hörstein, einem Stadtteil von Alzenau. Etwa 100 Rennradfahrer haben sich eingefunden. Christian Schierhorn von „Besi & Friends“ gibt ihnen letzte Informationen. Haben auch alle den Transponder für die Zeiterfassung ans rechte Fußgelenk geschnallt? Alle zählen gemeinsam von Zehn bis Null. Los geht’s! Die Starthupe gibt nur ein Krächzen von sich, vielleicht hat sie Halsweh. Letztes Jahr diente ein Silvesterknaller in einer Blechdose als Startsignal.

Der Start ist ohnehin nur symbolischer Natur. Die Teilnehmer können fahren, wann, wie oft und wie lange sie wollen. „Es ist kein Rennen, sondern es geht darum, dass wir gemeinsam hoch und runter fahren“, sagt Andreas Beseler. Dabei soll auch Raum bleiben, sich miteinander zu unterhalten.

„Zwölf Stunden Hohler Buckel“ ist das Motto der sportlichen Benefizaktion. Der „Buckel“ bei Hörstein ist für Beseler eine Art Hausberg. Für ihn hat er eine besondere Bedeutung: Als er nach seiner MS-Diagnose erstmals wieder aufs Rennrad stieg, nahm ihn ein Freund auf diese Strecke mit.

„Wir sind froh, dass wir es hier machen können, wir haben in Rodgau ja nicht so viele Berge“, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffmann. Auch er hat einen persönlichen Bezug zu diesem Berg, denn seine Mutter stammt aus Hörstein. „Als Kind bin ich die Strecke auch gefahren, bis die Bremsen heiß waren“, erzählt er.

Bilder: „Besi and Friends“ auf dem Hahnenkamm

Die Stadt Alzenau sei gern Gastgeberin dieser Aktion, betont Bürgermeister Dr. Alexander Legler. Andreas Beseler sei „eine beeindruckende Persönlichkeit“. Die Veranstaltung sei professionell organisiert. Nach der Premiere im vergangenen Jahr habe er nur Gutes gehört.

Mit acht Prozent Steigung schlängelt sich die Staatsstraße zwischen Hörstein und Rothengrund den Berg hinauf und hinab. Das geht kräftig in die Waden: 367 Höhenmeter auf 15 Kilometer erfordern Kondition. Der Ausdauerndste im vergangenen Jahr schaffte 18 Runden. „Die, die hier den ganzen Tag fahren, machen mehr Höhenmeter als in einer Etappe der Tour de France“, sagt Fahrradblogger Claude Walter aus Dietzenbach. Er steht am höchsten Punkt der Strecke und unterhält die Rennradfahrer mit Musik. Bei den Fahrern kommt das gut an, bei einem Jogger weniger: „Zu laut!“, ruft er im Vorbeilaufen.

Die Teilnehmer der Benefizaktion kommen nicht nur aus der Region, sondern auch aus Hamburg, München, Stuttgart oder Köln. Der Prominenteste ist Kai Saaler, der Weltmeister im Zwölf-Stunden-Mountainbike-Fahren. Auch Kranke und Behinderte strampeln für die gute Sache, unter anderem ein Beinamputierter mit Prothese und eine Frau, die eine Krebserkrankung überstanden hat. Andreas Schmelzer aus Ernsgaden (Bayern) leidet an Multipler Sklerose und fährt auf dem Mountainbike sportliche Erfolge ein. Ein anderer Teilnehmer leidet an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS und kann nicht mehr selbst mitfahren: Ein Freund fährt ihn auf einem sogenannten „Hasenfahrrad“ über den Berg – denn dabei sein ist alles.

Bilder: Rückkehr der Radsportler Besi & Friends

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare