Schulsystem soll keine Verlierer produzieren

Bildungsforscher: "Wir könnten Vollbeschäftigung haben"

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Bildung entscheidet über beruflichen Erfolg. Die Rodgauer Bildungsmesse bietet seit mehr als 20 Jahren einen breiten Überblick über Aus- und Weiterbildung – das nächste Mal am Samstag, 9. März. 

Rodgau – Schulen und andere Bildungseinrichtungen sollten Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien stärker fördern. Das fordert Bildungsforscher Prof. Horst Weishaupt im neuen Bildungsbericht der Stadt Rodgau. Von Ekkehard Wolf

Schüler mit Migrationshintergrund hätten noch immer schlechtere Chancen auf einen guten Schulabschluss. Die Gesellschaft könne es sich nicht mehr leisten, eine große Gruppe an Geringqualifizierten heranzuziehen.

Bei der Vorstellung des Berichts im städtischen Sozialausschuss betonte Weishaupt, „dass wir vor riesigen Herausforderungen am Arbeitsmarkt stehen“. Fachkräfte seien gefragt. Als Folge werde der Anteil der niedrig Qualifizierten unter den Arbeitslosen steigen: „Wir könnten Vollbeschäftigung haben, wenn wir alle qualifizieren würden. Das ist eine Herausforderung, vor der viele die Augen verschließen.“

Anhand von Daten der Schulstatistik belegt der Forscher eine „Bildungsbenachteiligung“ der Schüler aus Einwandererfamilien: „Sie erreichen deutlich häufiger keinen Schulabschluss oder nur einen Hauptschulabschluss.“ Bei den Abiturienten sieht es nicht besser aus: Nur jeder dritte Schüler mit Migrationshintergrund (34,2 %) erwirbt die Berechtigung zum Studium an einer Hochschule, sonst jeder zweite (49,3 %). Daran habe sich in den letzten Jahren nichts geändert.

Das deutsche Bildungssystem verbaue Kindern mit Migrationshintergrund den sozialen Aufstieg – auch in Rodgau. Zu Zeiten hoher Arbeitslosigkeit seien Einwanderer als unliebsame Konkurrenz angesehen worden, „aber die Situation hat sich nun radikal geändert: Wir brauchen sie nun hoch qualifiziert“. Die Mechanismen, mit denen Migranten bisher benachteiligt wurden, „werden in Zukunft für die ganze Gesellschaft zum Nachteil“.

Die Hauptschulzweige der kooperativen Gesamtschulen (Georg-Büchner- und Geschwister-Scholl-Schule) hätten sich zum Sammelbecken der Benachteiligten entwickelt, so Weishaupt. Mit einem Hauptschulabschluss könne man auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr viel anfangen. Deshalb müsse man kritisch fragen: „Wie geht man eigentlich mit den Bildungswegen der Kinder um? Ist es sinnvoll, sie in Schächtelchen zu sortieren, aus denen sie nicht mehr herauskommen?“ Das sei vielleicht pädagogisch gut gemeint, aber auch aus guten Motiven könnten nachteilige Konsequenzen entstehen.

Die ersten Weichen werden schon in früher Kindheit gestellt. Eltern, die zuhause nicht Deutsch sprechen, melden ihre Kinder eher später zur Kindertagesstätte an. In der Grundschule geht es weiter: 70 Prozent der Kinder in den drei Vorklassen haben eine nichtdeutsche Familiensprache, wie es im Bildungsbericht heißt. „Wie sollen die Kinder Deutsch lernen, wenn außer der Lehrkraft fast niemand vernünftig Deutsch spricht?“, fragt Horst Weishaupt: „Es ist im Grunde ein segregierendes Milieu, das den Integrationsbestrebungen zuwiderläuft.“ Eigentlich sind Vorklassen für Kinder gedacht, die schulpflichtig, aber noch nicht schulfähig sind.

Mehr Menschen sind dauerhaft arm - oder reich

Mehr Personal für Sprachförderung fordert der Bildungsforscher für die beiden Grundschulen in Nieder-Roden. Mehr als 30 Prozent der Kinder der Schule am Bürgerhaus leben nach Angaben ihrer Eltern in Familien, in denen nicht Deutsch gesprochen wird. In der Gartenstadtschule betrifft das sogar jedes zweite Kind (51,8 %). Sie gehört laut Weishaupt landesweit zu den Schulen mit dem höchsten Anteil an Kindern aus anderen Kulturkreisen. Das Land Hessen solle mehr Mittel in solche Schulen stecken, damit die Schüler „das Ziel einer maximalen gesellschaftlichen Integration und möglichst hohen Qualifizierung erreichen“.

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