Altes Handwerk geht mit der Zeit

Buchbinderei in Rodgau arbeitet auch für VW und Lufthansa

Bewährte Tradition und neue Maschinen gehen im Familienbetrieb von Hartmut Köhler Hand in Hand.
+
Bewährte Tradition und neue Maschinen gehen im Familienbetrieb von Hartmut Köhler Hand in Hand.

In der Buchbinderei Köhler in Rodgau lebt die Tradition. Die Arbeiterinnen und Arbeiter kleben die bedruckten Seiten mit Leim und Faden zum fertigen Produkt zusammen, ganz wie anno dazumal.

Rodgau - Geschäftsinhaber Hartmut Köhler ist von der Vielfalt innerhalb der Buchbinderbranche begeistert. Angefangen von der Speisekarte des Lieblingslokals bis zu dem in Japanisch verfassten Werbeprospekt einer Frankfurter Privatbank durchlaufen die meisten Druckprodukte die Arbeitsschritte des Buchbindebetriebs.

Das Familienunternehmen Köhler spezialisiert sich auf individuelle Stückzahlen. Meist verlassen die gebundenen Werke im halben Dutzend oder bis zu einer Menge von 1000 Stück die Produktionsräume. Zusammen mit einer hohen Qualität und Fertigungsgeschwindigkeit macht dies die Buchbinderei Köhler bei den Bestellern beliebt. „Deshalb ist China keine Konkurrenz für uns“, blickt Hartmut Köhler hin zum Reich der Mitte. Dort sieht er die billige Massenware. „Wir erstellen hochwertige Artikel, die häufig verschenkt werden.“

Angesprochen ist damit der Hauptgeschäftszweig des Unternehmens. Denn durch die Zusammenarbeit mit der Internet-Plattform Brandbook explodiert die Nachfrage nach individuell gestalteten Notizblöcken. Große Firmen verteilen diese kleinen Geschenke gerne bei Messe-Präsentationen. Die Individualität, zugeschnitten auf bestimmte Veranstaltungen, ist Köhlers Trumpf.

Die niedrigen Auflagen werden am Markt gerne gesehen: Selbst Branchengrößen wie Volkswagen und Lufthansa bestellen bevorzugt mehrfach kleine Pakete.

In den vergangenen Jahren hat Hartmut Köhler sein Unternehmen breiter aufgestellt. Es entstand eine zweite Produktionsstätte im Industriegebiet in der Kronberger Straße. Etwa 30 000 Urkundenkästen für Rechtsanwälte verlassen jedes Jahr die Fertigungsräume.

Das half durch die Corona-Krise, denn bestimmte Dokumente müssen in Schriftform gelagert werden, eine Digitalisierung hilft keinem Anwaltsbüro und keinem Notar weiter.

Trotzdem riss Corona eine Lücke. Die Notizbücher als Werbegeschenk waren von heute auf morgen nicht mehr gefragt. Die Umsätze gingen drastisch zurück. Von drei Aufträgen pro Tag fiel der Auftragseingang auf drei pro Woche.

Bekanntlich nutzen tüchtige Firmeninhaber tiefe Krisen für unternehmerische Veränderungen. Hartmut Köhler übernahm einen Kelsterbacher Betrieb, der Stammbücher an Standesämter liefert. „So können wir uns vielfältiger aufstellen“, sieht er seine Chancen im Besetzen von Nischen.

Mit der Erhöhung der Produktion wuchs die Belegschaft. Der Ausbildungsbetrieb beschäftigt vier Meister plus Aushilfen sowie Facharbeiter. Jeden Monat gehen Gehaltszahlungen an 33 Arbeitskräfte.

Trotz der Chancen in dem Handwerk ging die Zahl der Bindereien in Deutschland zurück. Da die Spezialbetriebe weiterhin gesucht sind, muss Hartmut Köhler inzwischen sogar Aufträge ablehnen.

Trotzdem zieht eine Gefahr herauf: Es fehlen Facharbeiter und Auszubildende für die Berufe des Buchbinders und des Medientechnologen.

Die Familientradition der Buchbinderei begann in den Goldenen Zwanzigern. Durch die Gründung seiner Buchbinderei im Jahr 1925 verwirklichte Großvater Georg Köhler im baden-württembergischen Öhringen seine Firmenträume.

Später nutzte Hartmut Köhlers Vater Wolfram (Jahrgang 1928) sein erlerntes Fachwissen für den Aufbau einer eigenen Firma unter seinem Namen. Vom Hauptsitz in Lohr am Main streckte er die gewerblichen Fühler nach Offenbach aus und kaufte dort die Buchbinderei Hansel.

Hartmut Köhler blieb dem Handwerk in dritter Generation treu. Er übernahm 1989 das Unternehmen seines Vaters und baute es zu einem kleinen Industriebetrieb aus.

Zehn Jahre später kam der Umzug von Offenbach nach Dudenhofen.

Das Gebäude in der Dr.-Weinholz-Straße 29 existiert seit dem Jahr 1905. Wo heute der Geruch des Buchbinderleims durch die Räume im Obergeschoss zieht, wand sich zur Bauzeit direkt darunter der Torbogen. Damals sammelte der Vorbesitzer im Hof die Milch der Landwirte ein und fuhr damit auf den Markt nach Offenbach.

Bei aller Nostalgie und aller Verbundenheit zu den Pionieren der Buchbinderei musste das Unternehmen natürlich mit der Zeit gehen. Einige Arbeitsschritte der Fertigung laufen inzwischen maschinell. Durch diese Investitionen ist die Buchbinderei Köhler gut aufgestellt für die neuen Herausforderungen der Märkte. (Andreas Pulwey)

Ein mannigfaltiges Sortiment wird in Dudenhofen gebunden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare