Gaststätten in Rodgau

Corona-Listen für die Polizei: Witzbolde tragen sich als Micky Maus ein

Die Gäste im Bürgerhaus Weiskirchen haben sich an das Ausfüllen gewöhnt.
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Die Gäste im Bürgerhaus Weiskirchen haben sich an das Ausfüllen gewöhnt.

Die Polizei darf für Ermittlungen Corona-Gästelisten einsehen. Müssen Gastwirte jetzt noch weniger Besucher fürchten? Wir haben uns in Rodgau umgehört.

Rodgau – Die hessische Polizei darf für Ermittlungen Gästelisten durchforsten, die im Fall der Fälle dazu dienen, die Corona-Infektionskette zurückverfolgen zu können. Voraussetzung für die Sicherstellung dieser Personendaten ist, dass das betreffende Dokument für ein strafrechtliches Ermittlungsverfahren relevant ist. Es geht dabei auch darum, an mögliche Zeugen von Straftaten heranzukommen.

Polizei darf Gästelisten einsehen: Manche Kunden treiben es auf die Spitze

Nach entsprechenden Medienberichten ist das Thema in „Döbert’s Wirtshaus“ in Dudenhofen bereits Gesprächsstoff. „Mancher hat Bedenken und ist unsicher“, beschreibt Wirtshaus-Chef Oliver Döbert die Lage. Er schätzt, dass etwa zehn Prozent seiner Gäste sich wegen der Datensicherheit Gedanken machen. Das war aber auch in der Vergangenheit mitunter schon so. Ein Kunde trieb es dabei auf die Spitze. Er trug sich in ein Gästeformular allen Ernstes als Micky Maus ein – wohnhaft in der Donald-Duck-Straße.

Polizei darf Corona-Gästelisten einsehen: „Keine Nachteile für den Umsatz“

„Den Mann habe ich dann höflich, aber bestimmt gebeten, den Zettel doch bitte korrekt auszufüllen“, sagt der Küchenmeister und Hessenkoch. Sein Personal hat er im Umgang mit den Zetteln geschult, die Papiere werden sicher weggeschlossen und nach vier Wochen geschreddert.

Küchenmeister Jürgen Herr erwartet aus den Befugnissen der Polizei keine Nachteile für seinen Umsatz im Jügesheimer „Journal“. Grundsätzlich plädiert der 52-Jährige zwar für einen „äußerst zurückhaltenden Umgang“ mit sensiblen Daten. „Wenn es aber hilft, einen Straftäter zu überführen – warum nicht?“ Herr meint nicht, dass die Rechte der Polizei „jemand davon abhalten, ins Restaurant zu gehen“.

Rodgauer Wirte achten auf Datensicherheit

Generell hat der Gastronom gegenüber der Zettelpflicht anfangs Skepsis festgestellt. „Es war ja auch ungewohnt.“ Inzwischen sei aber ein Sinneswandel eingetreten. „Die Kunden sehen das jetzt sogar nicht nur ein, sondern sie schauen sich im eigenen Interesse im Restaurant sogar ganz genau um, ob alles sorgfältig gemacht wird. Jeder will sich sicher fühlen.“

Die Zettelwirtschaft hat im im „Journal“ übrigens seit Donnerstag ein Ende. Früher mussten die Gäste zum Kuli greifen. Herr hob die Papiere dann in einem sicher verschlossenen Ordner vier Wochen lang auf, bis sie im Schredder zerbröselten. Jetzt melden sich Kunden mit ihrem Smartphone direkt am Tisch über einen QR-Code an und geben ihre Daten digital ein. Beim Verlassen des Lokals drücken sie den Button „Verlassen“. Die Daten werden extern vier Wochen gespeichert – und dann gelöscht. Ausschließlich Jürgen Herr hat Zugriff darauf, sofern das Gesundheitsamt oder die Polizei die Herausgabe verlangen. Wer kein Handy hat, der bekommt im „Journal“ für das Prozedere ein Tablet geliehen. Mit dem könnte man dann auch gleich die Speise und Getränkekarte online abrufen.

Corona-Gästelisten in Restaurants: Das Ausfüllen ist eingeübte Praxis

Dieses System wäre für Bürgerhauswirt Vladan Becker in Dudenhofen keine Alternative. „Ich habe zu 70 Prozent ein reiferes Klientel. Nicht jeder möchte dauernd mit dem Handy umgehen müssen.“ Das Ausfüllen sei inzwischen „eingeübte Praxis“. Nach vier Wochen landeten die Papiere im Schredder.

„Datenschutz ist Vertrauenssache“, betont Fikri Yilmaz, der Inhaber des Restaurants im Bürgerhaus Weiskirchen. Seine Gäste füllten das Corona-Formular anstandslos aus. Er sei sicher, dass niemand einen erfundenen Namen angebe, „ich kenne sie ja alle.“ Gerade jüngere Leute müsse man aber mehrmals an das Formular erinnern, berichtet ein Mitarbeiter aus dem Service.

Gastronomie in Rodgau: Kontaktdaten des Gäste sind mitunter schwer zu erfassen

Als „Weiskircher Original“ genieße Yilmaz ein hohes Vertrauen und die Zuneigung seiner Gäste, sagt Klaus-Michael Borisch (Hanau), der sich als Unternehmensberater auf Gastronomie spezialisiert hat. In anderen Restaurants sei es mitunter schwieriger, die Kontaktdaten aller Gäste zu erfassen: „In Dietzenbach beschwert sich jeder Zehnte.“ Besonders Stammgäste sähen oft nicht ein, dass sie das Formular bei jedem Besuch ausfüllen müssten. Die Vorschriften seien aber eindeutig.

Im Bürgerhaus Weiskirchen gibt es pro Tischgesellschaft ein Formular. Die ausgefüllten Blätter werden abgeheftet und unter Verschluss aufbewahrt – nur für den Fall, dass das Gesundheitsamt eine Infektionskette nachverfolgen muss. Nach vier Wochen nimmt der Wirt die Zettel aus dem Ordner und schreddert sie im Aktenvernichter.

Zusatzkosten in Rodgauer Gastronomie durch Corona

Gastro-Berater Borisch hält das für die einfachste und sauberste Lösung: Der technische Aufwand ist gering und kein Unbefugter bekommt die Daten der Gäste zu sehen. Eine elektronische Erfassung sei nicht unbedingt einfacher, wie ein Wirt in Urberach neulich bei einer Kontrolle erlebt habe: „Wenn Sie eine App haben, müssen Sie die Listen ausdrucken. Das Ordnungsamt will Papier sehen.“

QR-Code erfassen und anmelden: Das „Journal“ kommt ohne Formulare aus.

Auch ohne neue Software seien die Zusatzkosten durch Corona schon hoch genug, weiß Klaus-Michael Borisch. Allein für Desinfektionsmittel und Einwegmasken gebe das Bürgerhaus Weiskirchen rund 1800 Euro pro Monat aus – und das bei niedrigerem Umsatz und gestiegenen Einkaufspreisen. Die Gewinnmargen in der Gastronomie seien ohnehin gering. Schleuderpreise einzelner Betriebe nach dem Motto „Wir sind noch da“ schadeten der ganzen Branche.

Die befristete Senkung der Mehrwertsteuer sei zwar gut gemeint, könne aber die Belastung der Betriebe nicht ausgleichen, sagt der Berater. Seine Prognose: „Für die Gastronomie wird Corona ein tiefer Einschnitt sein. Wir werden bald 30 Prozent weniger Gastronomen haben.“ (Bernhard Pelka Und Ekkehard Wolf)

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