Ein Jahr nach dem großen Sturm

Bäume in Rodgau wie Mikado-Stäbchen umgeknickt

Umgeknickte Bäume in einem Wald
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Ein Jahr nach dem Sturm sieht es mancherorts noch so aus. Das Foto entstand am Samstag im Wäldchen östlich der B 45 bei Jügesheim.

Der Weltuntergang dauerte wenige Minuten. Vor einem Jahr riss ein Gewittersturm eine Schneise der Verwüstung quer durch den Kreis Offenbach. Manche Schäden sind immer noch nicht behoben. In Rodgau hätte das Unwetter beinahe ein Todesopfer gefordert.

Rodgau – Zwischen 18 und 18.15 Uhr raste das Unwetter durch den Kreis. Sturm und Hagel knickten Bäume um, deckten Dächer ab, demolierten Fenster und Fensterläden und verbeulten mehrere tausend Autos. Allein in Rodgau gab es mindestens drei Verletzte. Die Feuerwehr hatte fast 300 Einsätze zu bewältigen.

Erst im Lauf der nächsten Tage wurde das volle Ausmaß der Schäden deutlich. Ganze Waldgebiete waren verwüstet. Dem orkanartigen Wind fielen in einer Viertelstunde so viele Bäume zum Opfer, wie die Stadt Rodgau sonst in drei Jahren fällen lässt.

Der Sturm wütete in einer drei bis vier Kilometer breiten Zone von Langen bis nach Seligenstadt. In Dietzenbach fiel ein Baum auf eine S-Bahn. Auch Dreieichenhain, Heusenstamm und Rembrücken waren betroffen. In Froschhausen wurden mehrere Häuser beschädigt. Ein Fußballtrainer fing ein entlaufenes Pferd ein.

Umgestürzte Bäume machten Straßen unpassierbar. Betroffen war unter anderem die Kreisquerverbindung. In der Notlage zeigte sich an vielen Stellen Solidarität. Ein Beispiel aus Jügesheim: Anwohner der Dudenhöfer Straße räumten gemeinsam die Äste und Bäume von der Fahrbahn weg, statt auf die Feuerwehr zu warten.

Beinahe hätte der Sturm ein Todesopfer gefordert. Beim Fahrradfahren wurde ein Ehepaar beim Jügesheimer Vereinsgelände am Nehlsee von dem Unwetter überrascht. Durch eine umstürzende Eiche wurde der Mann (68) schwer verletzt. Erst nach drei Stunden konnte er gerettet werden. Feuerwehrleute hatten sich mit der Kettensäge mühsam zu ihm vorgearbeitet.

Parks, Friedhöfe und Spielplätze waren noch wochen-, teilweise monatelang gesperrt. Das städtische Kinderfest wurde kurzfristig von der Waldfreizeitanlage Jügesheim auf den Puiseauxplatz verlegt.

Das große Aufräumen im Stadtwald begann im Januar. Der riesige Holzvollernter (Harvester) fällte die kaputten Bäume im Minutentakt. Der Harvester lief rund um die Uhr, die Maschinenführer lösten sich alle zwölf Stunden ab. Täglich wurden auf diese Weise etwa 500 bis 600 Festmeter Holz aus dem Wald geholt – ein Kahlschlag, wie er in Rodgau bisher unvorstellbar war. Noch im April warnte die Stadtverwaltung vor Spaziergängen im Wald.

Auch die Behebung anderer Sturmschäden zog sich über Monate hin. So konnte die SG Hainhausen dieses Kapitel erst im April für sich abschließen, als ihre Turnhalle neue Fenster bekam. Die Schäden an den Vereinsanlagen beliefen sich insgesamt auf rund 70 000 Euro.

Neben Glasern, Dachdeckern und anderen Handwerkern hatten auch Autowerkstätten viel zusätzliche Arbeit. Bei Auto-Beyer in Weiskirchen wurden die letzten Hagelschäden Ende März abgewickelt, wie Geschäftsführer Reinhard berichtet. In den Wochen nach dem Sturm wurden an der Boschstraße insgesamt 4 000 Autos begutachtet; mehr als 700 Kunden ließen ihre Fahrzeuge dort auch reparieren.

Die Holzskulptur „Rodauschlange“ im Jügesheimer Rodau-Park lag sogar elf Monate in Trümmern. Erst vor vier Wochen konnte Künstler Christian Rösner (Nürnberg) das Kunstwerk wieder aufbauen und das zerstörte Stück des Schlangenkörpers ersetzen.

Auf große Resonanz stieß die Spendenaktion „Town-Baum“, um einige der rund 300 zerstörten Bäume im bebauten Stadtgebiet zu ersetzen. Bürger, Vereine und Unternehmen spendeten rund 35 000 Euro. Das reichte immerhin für 117 Bäume. Die Stadt bezahlt die Pflanzung und Anwuchspflege.

Wann und wie der Wald wieder aufgeforstet wird, steht noch nicht fest. Stadt und Forstamt wollen bis Ende nächsten Jahres eine Strategie erarbeiten. Dabei soll auch externes Fachwissen einfließen. Bürgermeister Jürgen Hoffmann sieht die Herausforderung darin, „eine nachhaltige Waldstruktur unter den Bedingungen des Klimawandels aufzubauen“. (Von Ekkehard Wolf)

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