Lernen ohne Leistungsdruck: Pilotprojekt an der Heinrich-Böll-Schule

Schule in Rodgau: „Wir tun was“ für Nachhaltigkeit

Wie soll unser Projekt heißen? Eifrig diskutierten die Böll-Schüler beim Auftakt der Aktion „Wir tun was“.
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Wie soll unser Projekt heißen? Eifrig diskutierten die Böll-Schüler beim Auftakt der Aktion „Wir tun was“.

Ob Fridays for Future oder fleischfreie Ernährung: Wer die Welt retten möchte, muss mit kleinen Schritten anfangen. „Wir tun was“ heißt ein Pilotprojekt an der Heinrich-Böll-Schule (HBS) in Rodgau, das jetzt mit einem ungewöhnlichen Aufwand an Zeit und Personal startet. Alle Siebt- und Achtklässler, insgesamt rund 200 Jugendliche, beschäftigen sich vier Stunden pro Woche in kleinen Gruppen mit selbst gewählten Themen. Dabei geht es immer um Nachhaltigkeit.

Nieder-Roden - Bis zum Ende des Schuljahrs gehört der Mittwoch der Projektarbeit. Eine Gruppe will die Wasserqualität der Rodau erkunden, eine andere legt eine Blühwiese für Bienen an. Alle Projekte orientieren sich an den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung, die die Vereinten Nationen beschlossen haben. Dabei sind sowohl Theorie als auch praktische Arbeit gefragt. Es gibt weder vorgekaute Inhalte noch Leistungsdruck. Auch Scheitern ist erlaubt. Wenn ein Projekt beendet ist, suchen sich die Schüler ein neues Thema.

„Sie werden ganz viel lernen und merken es gar nicht“, erwartet die stellvertretende Schulleiterin Barbara Streb. Zur Projektarbeit gehört die Suche nach Unterstützern, die Bewertung von Informationen, aber auch Organisation und Absprache in der Gruppe. Und nicht zu vergessen: die Fähigkeit, sich selbst zu motivieren.

Konsequenz aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie

Das Pilotprojekt ist eine Konsequenz aus den Erfahrungen mit der Corona-Pandemie. „In der Zeit des Distanzlernens ist doch der eine oder andere zurückgeblieben“, berichtet Schulleiterin Petra Fischer: „Wir hatten zwei Lerncamps, aber die Nachfrage war nicht so groß, besonders bei denen, denen wir es empfohlen hätten.“

Die Siebt- und Achtklässler mussten am längsten zuhause bleiben. Zuerst kehrten die Abschlussklassen in die Schule zurück, um sich auf ihre Prüfungen vorzubereiten. Danach kamen die Fünft- und Sechstklässler, weil sie die Jüngsten sind. Die Jahrgänge dazwischen blieben auf der Strecke. Von einer verlorenen Zeit will die Schulleiterin aber nicht sprechen: „Es ist ein Jahrgang, der andere Erfahrungen gemacht hat, als wir sie kennen. Dafür müssen wir offen sein und damit müssen wir umgehen.“

Lernen ohne Leistungsdruck in Rodgau

Die integrierte Gesamtschule setzt auf das Prinzip „Motivation durch Erfolg“. Druck sei da nur bedingt hilfreich, so Fischer: „In der Pubertät führt Druck eher zu Verweigerung. Das kennen sie, damit können sie umgehen. Dass man ihnen etwas zutraut, ihnen eine Gestaltungsfreiheit gibt, das kennen sie eher nicht.“

Die Zeit für das Pilotprojekt hat die HBS aus dem Stundenplan herausgezaubert, ohne große inhaltliche Abstriche vornehmen zu müssen. Die vier Projektstunden pro Woche bestehen aus der Klassenlehrerstunde, einer Musikstunde (für die es keine Fachlehrer auf dem Stellenmarkt gibt), der Aktivstunde (für die die Sporthallenkapazität nicht ausreicht) und einer Stunde Arbeitslehre (weil es sich ja um praktische Projekte handelt). „Wir machen aus der Not eine ziemliche Tugend“, sagt Barbara Streb. Ein großer Teil des Lehrerkollegiums sehe in der Corona-Krise die Chance, etwas anders zu machen als bisher: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“

Bei den kleinen Schritten zur Nachhaltigkeit sind die Schüler auch bereit, bei sich selbst anzufangen. „Wir retten die Welt“ steht auf einem selbst gemalten Plakat in der Pausenhalle. Darunter gruppieren sich viele Ideen zum Klimaschutz. Sie reichen von fleischfreier Ernährung bis zum ultimativen Stromspartipp für diese Altersgruppe: „Lieber mal rausgehen als zu zocken.“ (Ekkehard Wolf)

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