Stimmung am Siedepunkt

Festival macht Werbung für Weltoffenheit, Integration und Respekt

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Ohne erhobenen Zeigefinger hatten alle Spaß, tranken Bier und genossen die Musik. 

Nieder-Roden - Vielfalt fühlt sich gut und manchmal mächtig an. Mindestens 750 Rockfans aus der Region – so viele Tickets hatten die Veranstalter im Vorfeld abgesetzt – nahmen solche oder ähnliche Gefühle aus dem Hexenkessel im Nieder-Röder Bürgerhaus in die Welt draußen mit.

Nicht nur der Zuspruch, auch die Musik hat das Festival für Vielfalt und Toleranz für die Initiative WIR zu einem Erfolg gemacht – um in der Sprache der Stars zu reden: Statt „E bissi was geht immer“ eher „Das macht uns keiner nach“.

Aus dem Nahen Osten und Europa schöpfen die Musiker von „Grenzenlos“ ihre Inspiration. Beim Konzert für Toleranz und Vielfalt in Nieder-Roden verdienten sie sich begeisterten Beifall.

Das waren zwei von 13 Titeln, mit denen die Rodgau Monotones den letztendlich doch fast zu kleinen Saal Richtung Siedepunkt rockten. Mit ihrem durchschlagskräftigen Programm vom pflichtschuldigen „Ei Gude wie“ über „100 Fässer Grüne Soße“, „St. Tropez am Baggersee“ und „Erbarme - die Hesse komme“ bis zum Abdreher mit „Volle Lotte“ lagen die Lokalchampions ganz auf der Stillinie, die für Weltoffenheit, Integration und Respekt (WIR) hatte Stimmung machen sollen. Mit den Fight Footers im schallmauernahen Abspann und den Newcomern von Birds View war eine Alternative Rock als Klammer gesetzt, bei Last Jeton mit einer stimmstarken weiblichen Doppelspitze bewehrt und von After the Silence gleich zum Start mit Heavy Metal klassischer Güte legiert.

Instrumente richtig säubern und lagern

Zumindest einer dürfte beim Eröffnungs-Act zeitweise emotional abgelenkt gewesen sein. Ralph Westenburger, Gitarrist bei den Hardrockern, war gemeinsam mit seiner Frau Nicole einer der Initiatoren und zeigte sich später überwältigt von dem Echo, das ihr gemeinsamer Aufruf kurz nach der hessischen Landtagswahl gefunden hatte. Kaum anders erging es Mitstreitern und Unterstützern, die der so empfundene Rechtsruck im Land nicht weniger beunruhigt und aufgerüttelt hat als das Musikerpaar: Namens der Kulturinitiative Maximal gab Karin Wagner, für den Verein für multinationale Verständigung (Munavero) Rudolf Ostermann der Begeisterung über den Ansturm Ausdruck. Bürgermeister Jürgen Hoffmann, mit der Stadt Rodgau als Schirmherr aufgesprungen, sah sich zu einem trotzigen Zitat inspiriert: „Wir schaffen das“ – präziser: „Wir in Rodgau können das und schaffen eine gemeinsame Zukunft, in der sich alle sauwohl fühlen.“

Alternative Rock und Heavy Metal gaben die Klammer für das WIR-Festival im Nieder-Röder Bürgerhaus her. Einen gefeierten Auftritt hatte die Band „Last Jeton“.

Jenes Das, welches es zu schaffen gilt, entspricht den Zielen eines anderen Wir – dem in „Wir sind mehr“, Sammeltitel zahlloser Solidaritätskonzerte nach den rechten Attacken auf Flüchtlinge und deren Unterstützer im Sommer in Sachsen. An diese Spontanbewegung, der auch Stars der deutschen Rock-Szene ihre Stimme liehen, fühlten sich viele Besucher in Nieder-Roden erinnert. Träger dieser Motivation waren am Samstag vor allem elf Musiker aus der Nachbarschaft – überwiegend Flüchtlinge, die im Musikprojekt „Grenzenlos“ zusammengefunden, mit dem Konzertgitarristen und Musiklehrer Sadegh Moazzen aus dem Iran ein Programm mit melancholischen Balladen aus dem Nahen Osten, Weltmusik und europäischen Anspielungen aufgebaut haben.

In Nieder-Roden verdienten sie sich rhythmischen Beifall, fanden neue Freunde und erfreuten viele Anfänger wie Susan Ritter aus Hainburg, die mit ihrem Mann Thorwald besonders wegen „Grenzenlos“ gekommen war: „Wir wollen sie unterstützen, aber da wir etwas älter sind, kennen wir auch die Rodgau Monotones“. Andere trieben andere Motive: Valentin Hartmann aus Rodgau hat Freunde bei Birds View und war gespannt darauf, die Band live zu sehen. David Biebel wollte seine Favoriten zusammen mit den Monotones sehen - „und dann auch noch für einen guten Zweck“. Einen anonymen Rockfan lockte einfach nur die laute Musik. Wie sagte doch Initiator Ralph Westenberg vorab? „Kein erhobener Zeigefinger. Die Leute haben Spaß, trinken Bier und genießen die Musik.“ Hat funktioniert. (zrk)

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