Bei der Gedenkstunde am Lager Rollwald blicken Redner nicht nur zurück

Sorge vor absichtlicher Geschichtsverfälschung

An die Opfer im ehemaligen Straflager Rollwald erinnert am Sonntag eine Gedenkfeier am Mahnmal auf dem früheren Lagerfriedhof. Der Munavero-Vorsitzende Rudolf Ostermann begrüßte zahlreiche Gäste.
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An die Opfer im ehemaligen Straflager Rollwald erinnert am Sonntag eine Gedenkfeier am Mahnmal auf dem früheren Lagerfriedhof. Der Munavero-Vorsitzende Rudolf Ostermann begrüßte zahlreiche Gäste.

Bei einer Feierstunde am Mahnmal auf dem ehemaligen Friedhof des Gefangenenlagers Rollwald haben am Volkstrauertag mehr als 50 Menschen der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft gedacht – nicht nur im Rückblick auf das Nazi-Regime. Aktuelle Parallelen zu den Anfängen des NS-Terrors treiben unter anderem Rudolf Ostermann, den Vorsitzenden des Vereins für multinationale Verständigung in Rodgau (Munavero) sowie Kommunalpolitiker und Kirchenvertreter um.

Rollwald - „Bedrohliche Formen“ nehmen nach Wahrnehmung von Ostermann, der unter den Gästen Rodgaus Bürgermeister Jürgen Hoffmann und dessen Nachfolger Max Breitenbach willkommen hieß, sowohl mutwillige Geschichtsverfälschung am rechten politischen Rand als auch deren Akzeptanz beim Publikum an. Unter dem Druck der Pandemie liefen „viel zu viele Menschen diesen Rattenfängern nach“, so Ostermann – neben aktiven „Verschwörungspratikern“ auch „ängstlich Verwirrte und Unzufriedene, die durch Fakten oder Argumente nicht mehr zu erreichen sind“. Demokraten stünden daher in der Pflicht, das Geschichtsbewusstsein junger Menschen nach Kräften zu fördern.

Das alljährliche Gedenken am Volkstrauertag an dieser Stelle finde daher Sinn und Berechtigung, betonte Bürgermeister Jörg Rotter aus Rödermark – gerade an diesem Ort auf der Gemarkungsgrenze zwischen beiden Städten: vor drei Jahren unter Federführung der Munavero-Arbeitsgruppe Rollwald hergerichtet, sei das Wesen der Gewaltherrschaft vor Betonsäulen und stilisiertem Stacheldraht erlebbar. Unter 200 verbürgten Toten seien nicht nur Straftäter. Auch gesellschaftlich Ausgegrenzte, politisch oder religiös Verfolgte habe das NS-Regime im Lager gequält und für die Kriegswirtschaft ausgebeutet.

„Nicht überheblich, sondern wachsam“ will die evangelische Pfarrerin Sabine Beyer von der Emmausgemeinde später Geborene auf diese dunkle Zeit zurückblicken sehen. Nach Erkenntnissen der Forschung seien die Lebensbedingungen im Lager unmenschlich, auch für Kriminelle daher keinesfalls akzeptabel gewesen. Zur Überwindung von Ausgrenzung, Hass und Verfolgung brauche es Mut. Dass Versöhnung und Frieden in Europa nach wie vor nicht selbstverständlich seien, zeige aktuell der Blick an die Außengrenzen.

Von der Erinnerung an die Verbrechen und ihre Opfer, auch in der Form institutionalisierten Gedenkens, darf es aus Sicht aller Redner keine Abkehr geben. Der Feierstunde verlieh ein Duett der Formation Terra Musicale mit Geige und Gitarre zusätzliche Intensität. Die Rollwald-Gedenkstätte selbst will Munavero laut Rudolf Ostermann aufwerten: Für die Installation in Stein gemeißelter Masken, bei der Gestaltung 2018 aus finanziellen Gründen aufgeschoben, werde der Verein demnächst um Spenden werben. (zrk)

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