INTERVIEW Erstes Jahr im Rodgauer Hospiz am Wasserturm ist von der Pandemie geprägt

Gute Lösungen für den Abschied

Luftaufnahme des Geländes am  Wasserturm.
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Eine der modernsten Einrichtungen der Sterbebegleitung in ganz Deutschland hat vor einem Jahr die Arbeit aufgenommen. Archivfoto: AXEL HAESLER

Jügesheim – Seit einem Jahr ist das lang erwartete Hospiz am Wasserturm in Jügesheim am Start. Es ist die erste Einrichtung im Kreis mit zahlreichen Besonderheiten und setzt Maßstäbe in der Sterbebegleitung. Mit einer Klinik und kühler Atmosphäre hat das Haus nichts zu tun, in dem in zwölf Zimmern todkranke Menschen ihre letzten Tage verbringen. Wir sprachen mit Hospiz- und Pflegedienstleiterin Christina Dölle über ihre ersten Erfahrungen im Alltag, der leider in weiten Teilen durch die Pandemie geprägt war.

So wurde das Abschiednehmen noch schwerer gemacht.

Gab es Anlaufprobleme vor einem Jahr und wenn ja welche?

Wir haben am 16. März 2020 unseren ersten Hospizgast aufgenommen und zeitgleich wurde der erste Lockdown verhängt. Die seit der Eröffnung angespannte Coronalage hat es uns bisher schwer gemacht, die Hospizarbeit so zu leben, wie sie sein soll. Normalerweise haben wir keine Besuchseinschränkungen und auch der körpernahe Kontakt ist so wichtig. All das ist seither nur eingeschränkt möglich. Wir müssen immer wieder die Hygieneregelungen neu anpassen und auch Besuche reduzieren, was es für unsere Hospizgäste und Angehörigen in der an sich schon schweren Zeit des Abschieds nicht leichter macht.

Dennoch haben wir bisher immer wieder kreative Lösungen gefunden, dass guter Abschied möglich ist. Durch unseren großen Garten können wir, auf Abstand allen Menschen die sich verabschieden wollen, eine Möglichkeit dazu geben.

Gab es Überraschungen und Sachverhalte, mit denen Sie zum Start nicht gerechnet hätten? Wenn ja welche?

Sehr bewegend in der ersten Zeit war, dass unsere Gäste nicht lang bei uns waren. Die durchschnittliche Liegedauer betrug im ersten halben Jahr 3-5 Tage. Seither haben wir 127 Menschen beim Sterben begleitet. Die Dankbarkeit der Angehörigen und Gäste überrascht uns immer wieder und ist keine Selbstverständlichkeit. Des Weiteren haben wir, durch weniger Platzanfragen gemerkt, dass Menschen durch die Besuchseinschränkungen zurückhaltend waren, ihren Angehörigen in eine Einrichtung zu geben.

Wie schnell hat sich das Team anfangs gefunden?

Das Team hat natürlich Zeit gebraucht sich kennenzulernen und zusammenwachsen, aber das ging doch relativ schnell, da wir die ersten zwei Wochen im März ohne Belegung intensiv dazu genutzt haben.

Sind noch alle von der Stammmannschaft an Bord?

Leider sind nicht mehr alle Mitarbeitenden dabei, aber dass wäre auch nicht realistisch, da die Mitarbeiter alle aus verschiedenen Bereichen kamen und viele auch diese besondere Arbeit erst mal kennenlernen mussten. Dennoch haben uns nur wenige Mitarbeiter bisher verlassen, allerdings brauchen wir weiterhin liebevolles Pflegepersonal.

Wie schöpfen Sie persönlich und Ihre Mannschaft Kraft für die enormen Aufgaben im Alltag?

Im Hospiz haben wir genug Zeit uns zusammen als Team auszutauschen und darüber zu sprechen, was uns bewegt und beschäftigt. Des Weiteren haben wir monatliche Supervision und unsere Seelsorgerin steht auch immer für uns als Team bereit, wenn wir besonders belastenden Situationen erleben, wie zum Beispiel, wenn junge Menschen bei uns sterben.

Ich persönlich schöpfe genau daraus Kraft, dass wir uns hier gegenseitig im Blick haben und über alles sprechen können. Auch wenn es für die meisten nicht vorstellbar ist, empfinde ich diese Aufgabe als besonders erfüllend und wertvoll – nicht als Belastung! Gemeinsam tragen wir dazu bei, Menschen ein gutes letztes Zuhause zu geben und sie ganz individuell auf ihrem letzten Weg zu begleiten.

Schildern Sie doch ein Erlebnis aus dem ersten Jahr, das Ihnen besonders zu Herzen gegangen ist.

Im letzten Jahr konnte ich eine sehr persönliche Erfahrung hier im Hospiz machen. Ich konnte ein Familienmitglied begleiten und habe als Angehörige erfahren, wie wichtig und gut es ist, aufgefangen zu werden und Zeit für den Abschied zu haben. In den zahlreichen Jahren, in denen ich in der Sterbebegleitung tätig bin, habe ich mit so vielen Menschen gesprochen, die es als Geschenk empfanden, dabei sein zu können, wenn der letzte Atemzug kommt und dass man Zeit benötigt, den lieben Menschen zu verabschieden. Aber auch was es bedeutet, sich hilflos zu fühlen und zu zweifeln, ob alles so richtig ist.

All das habe ich nun persönlich erlebt. Dies hilft mir, noch einen anderen Zugang zur Situation von Angehörigen zu bekommen. Mir als Betroffener stand das Hospizteam an meiner Seite und hat mich durch diese schwere Zeit getragen. Hierfür empfinde ich tiefe Dankbarkeit.

Wie steht das Hospiz finanziell da?

Hospize sind keine Profitcenter, sondern werden grundsätzlich defizitär geführt. Wir sind durch die Hospiz Stiftung Rotary Rodgau in der Lage, das Defizit vom vergangenen Jahr auszugleichen. Wir bemühen uns alle, dafür zu sorgen, dass der Spendenfluss stetig fließt. Die Unterstützung durch die Bevölkerung ist groß. (Das Gespräch führte Bernhard Pelka.)

Christina Dölle

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