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„Ich bin ein reiner Ladendieb“

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Von: Stefan Mangold

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Das Strafgesetzbuch im Gericht (Symbolbild)
Nur einer der vier Diebstähle ließ sich dem Angeklagten zweifelsfrei nachweisen (Symbolbild). © Oliver Berg / dpa

Nach einem Ladendiebstahl in einem Rodgauer Supermarkt stand jetzt ein 54-Jähriger vor Gericht. Trotz vieler Vorstrafen erhielt er noch einmal ein Bewährungsurteil. Wenn er sich vier Jahre lang nichts zuschulden kommen lässt, muss er die Haftstrafe nicht antreten. Wird er es schaffen?

Rodgau – Vor kurzem saß vor dem Schöffengericht in Offenbach ein Mann, für den der Prozess mit einem längeren Aufenthalt im Knast hätte enden können. Nur einer von vier Diebstählen in zwei Rodgauer Supermärkten ließ sich ihm zweifelsfrei nachweisen. So kam der Odenwälder mit einem halben Jahr Gefängnis davon, ausgesetzt zur Bewährung.

Beim Abgleich der Personalien fragt Richter Manfred Beck den 54-Jährigen, wovon er lebe. „Von Hartz IV“, antwortet der Mann, „bei meiner Vita fällt es mir nicht leicht, einen Arbeitsplatz zu finden.“ Im Bundeszentralregister hat er nun 25 Eintragungen.

Staatsanwältin Sylvia Erdelt wirft ihm vor, zwischen September und November 2020 während vier Besuchen in zwei Rodgauer Supermärkten vor allem Zigaretten im Wert von 16 .250 Euro gestohlen zu haben. Er soll dreimal in das Supermarktlager eingedrungen und Kisten mit Tabakwaren mitgenommen haben.

Rechtsanwalt Ulf Köper erklärt, sein Mandant gebe nur einen Diebstahl zu. Der lässt sich tatsächlich nicht leugnen, denn der Filialleiter hatte den Angeklagten damals am Ausgang gestellt, als er mit Kaffeetüten und Energy-Drinks im Wert von über 400 Euro den Supermarkt verlassen hatte, ohne bezahlt zu haben.

„Ich hätte doch nicht eine Woche vorher für über 7000 Euro Kippen geklaut und wäre dann wegen ein paar Tüten Kaffee wiedergekommen.“, erklärt der Mann auf Nachfrage von Richter Manfred Beck.

Dem Richter gegenüber zeichnet der Angeklagte von sich ein Bild, das sich mit seinem Vorstrafenregister deckt. „Wenn ich bei Ihnen zu Hause wäre, würde ich niemals etwas klauen“, versichert der Hesse, der so unterhaltsam redet, als sei er einem Badesalz-Sketch entsprungen, „ich bin ein reiner Ladendieb“.

Auf die kriminelle Bahn sei er durch seine Kokainsucht geraten, die ihn sein 30 Jahren beschäftige, sagt er weiter aus. Dem Gericht legt er eine Bescheinigung des Roten Kreuzes vor, die seine Teilnahme an Gruppengesprächen belegt.

Die Verfahrensbeteiligten betrachten die Bilder der Überwachungskamera aus dem Supermarkt. Von der Statur sieht der Angeklagte dem Täter auf dem Bild wohl ähnlich. Das Problem seit Corona: Unter der Maske können sich Diebe gänzlich unauffällig vor den Kameralinsen verstecken. Weil der Mann auf dem Bild seine FFP2-Maske nach Vorschrift trägt, „lässt sich mein Mandant nicht erkennen“, bemerkt Verteidiger Köper.

Von Figur und Habitus sehe der Angeklagte dem Täter zwar ähnlich, konstatiert Staatsanwältin Erdelt in ihrem Plädoyer, „zweifelsfrei lässt sich aber nicht feststellen, dass er es ist“. Erdelt fordert für den Diebstahl des Kaffees und der Energy-Drinks, durch den dem Supermarkt jedoch kein Schaden entstand, sechs Monate Gefängnis auf Bewährung und 80 Arbeitsstunden. Anwalt Köper findet: „Drei Monate reichen.“ Der Angeklagte lobt die Staatsanwältin: „Ich hatte auf gesunden Menschenverstand gehofft.“

Richter Beck und die Schöffen verhängen das halbe Jahr auf Bewährung, die jedoch über vier Jahre läuft. Außerdem muss der Odenwälder 100 Arbeitsstunden ableisten. Was die Sozialprognose betrifft, äußert sich der Vorsitzende nicht gerade optimistisch: „Dass Sie ein straffreies Leben führen, ist nicht zu erwarten.“

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