Zum Übergang in die weiterführende Schule

Interview mit Grundschulrektorin: Es muss nicht immer Gymnasium sein

Rodgau – Für rund 400 Rodgauer Viertklässler und ihre Eltern ist jetzt eine spannende Zeit. Bis Ende Februar müssen sie sich für eine weiterführende Schule entscheiden: eine Weichenstellung für den weiteren Bildungsweg.

Sabine Döring

Dabei kommt es nicht nur auf die Zeugnisnoten an, wie Schulleiterin Sabine Döring von der Carl-Orff-Schule Jügesheim im Interview sagt.
Wie früh beginnen Eltern, sich Gedanken über die weiterführende Schule zu machen?
Das fängt sehr früh an. Ich mache die Beobachtung, dass der Großteil der Eltern schon Mitte, Ende der dritten Klasse sich mit dem Thema auseinandersetzt. Es gibt mit Sicherheit auch Eltern, die noch früher dabei sind. Das eigentliche Prozedere beginnt erst in Klasse vier. Im November haben wir den Informationsabend und dann beginnen die Beratungsgespräche. Viele Eltern machen die Frage der Schulwahl nur an den Noten fest.
Worauf kommt es denn sonst noch an?
Auf das gesamte Kind, auf die gesamte Persönlichkeit. Wenn die Persönlichkeit nicht mitspielt, dann helfen auch die besten Noten nichts. Andersherum: Wenn die anderen Voraussetzungen stimmen, kann man auch mal eine Drei kompensieren. Damit meine ich vor allem das Arbeitsverhalten. Auch das Sozialverhalten ist ein ganz wesentlicher Punkt: Ein Kind, das im Sozialverhalten die Note Drei hat, ist eigentlich kein Gymnasialkind. Diese Kopfnoten werden oft unterschätzt. Die Kinder müssen einfach eine gewisse Reife haben, um Herausforderungen bewältigen zu können.

Wie sehr stehen die Kinder dadurch unter Druck, dass die Eltern auf die Noten gucken?

Zum Teil unter sehr großem Druck. Das betrifft vor allem Kinder, die so ein bisschen auf Messers Schneide stehen. Sie sind angespannt, wirken ängstlich, insbesondere vor Arbeiten oder wenn sie die Hausaufgaben vergessen haben. Oder es kommt eine ängstliche Nachfrage. Die Verunsicherung spürt man den Kindern schon sehr an. Manche wirken auch traurig, weil sie selbst spüren, dass sie manchen Erwartungen nicht genügen.

Warum ist die Entscheidung über die weiterführende Schule so bedeutsam?

Weil jetzt eine ganz entscheidende Weiche gestellt wird. Wir weisen immer wieder darauf hin, dass unser Schulsystem durchaus Flexibilität zulässt und eine gewisse Durchlässigkeit gegeben ist. Man kann auf eine integrierte Gesamtschule gehen oder man geht erst mal auf die Realschule und wechselt dann aufs Gymnasium. Man kann auch später sein Abitur nachholen. Es gibt ja so viele Möglichkeiten. Das wird zwar immer wieder kommuniziert, aber nicht überall akzeptiert.

Ist die Schulwahl schwieriger geworden? Und wenn ja, warum?

Das glaube ich schon. Wir sind eine Leistungsgesellschaft und die Eltern wollen natürlich für ihre Kinder, dass sie später die besten Möglichkeiten haben. Ausbildungsberufe, die vor 20 Jahren noch mit einem Realschulabschluss möglich waren, sind es heute nicht mehr. In die Schulwahl spielen auch persönliche Wünsche der Eltern hinein: Dinge, die sie vielleicht selbst nicht erreicht haben, und die Hoffnung, dass die Kinder es schaffen oder dass sie es besser haben sollen – solche Gedanken höre ich da auch immer wieder heraus.

Wie unterstützen Sie die Eltern und Kinder bei der Schulwahlentscheidung?

Ich versuche, sehr deutlich anzusprechen, was auf die Kinder, die Eltern und die gesamte Familie zukommt. Der Wechsel auf die weiterführende Schule ist schon ein besonderer Schritt. Er ist wie ein Abschied von der behüteten Kindheit. Das ist deutlicher spürbar als noch vor einigen Jahren. Das bedeutet für die Eltern auch das Loslassen zu akzeptieren.

Wie meinen Sie das?

In der weiterführenden Schule sind Eltern nicht mehr so stark eingebunden. Natürlich gibt es auch dort Elterninformationen, aber sie finden in einer anderen Form statt, weil viel mehr an die Selbstständigkeit der Kinder appelliert wird. Auf der anderen Seite ist es sehr schön, zu sehen, wenn die Kinder ihren Weg mehr und mehr alleine gehen können. Zum Loslassen gehören auch die Neuen Medien: Die Eltern, die jetzt ihr Kind mit einem Handy ausstatten, sind ja selbst ohne Handy groß geworden. Das macht es doch sehr schwierig, weil man eben nicht mehr alles überwachen kann. Da sehe ich positive als auch negative Herausforderungen für alle Beteiligten.

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Warum wollen so viele Eltern, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht?

Weil sie meinen, dass sie damit die besten Bildungschancen haben und später auch die besten Lebensmöglichkeiten: einen guten Job, ein Studium, guter Verdienst, eine Absicherung im Leben.

Nicht jedes Kind, dessen Eltern das gerne hätten, bekommt eine Gymnasialempfehlung. Was raten Sie Eltern in diesem Fall?

Ich empfehle ihnen, sich noch einmal intensiv die Beratungspunkte durch den Kopf gehen zu lassen und dahingehend ihre Kinder zu beobachten. Der Großteil der Eltern vertraut auf die Erfahrung der Grundschulkollegen und lässt sich auch davon überzeugen. Bei anderen überwiegt der Wunsch und die Überzeugung, dass das eigene Kind es schaffen wird. Es gibt ja auch Fälle, wo das klappt. Die Eltern sollten die Entscheidung nicht alleine treffen, sondern immer mit ihrem Kind zusammen. Denn es gibt auch Kinder, die in der Schule formulieren: Ich wäre ja mit der Realschule zufrieden, aber die Mama will, dass ich unbedingt aufs Gymnasium gehe. Diese meist sehr zaghaften Stimmchen sollte man unbedingt hören. Wenn es darum geht, Kinder in die Entscheidung einzubeziehen, meine ich nicht nur den Bildungsgang. Kinder haben auch eine ganz andere Wahrnehmung von Schulgebäuden als Erwachsene. Sie gehen nun mal jeden Tag in die neue Schule und da hilft es nichts, wenn sich ein Kind unwohl fühlt. Auch der Schulweg ist ein entscheidender Punkt: Nicht alle Kinder sind dafür gemacht, den Weg mit Bus und Bahn zurückzulegen oder mit dem Fahrrad zu fahren. Wichtig ist, dass sie ihren Weg selbstständig zurücklegen. Natürlich kommt es auch auf den Aspekt an: Wo gehen die Freunde hin? Nur da, wo ich mich wohlfühle und sicher fühle, kann ich auch wieder gut starten.

Ist es sinnvoll, bereits nach dem vierten Schuljahr die Weiche zum künftigen Bildungsweg zu stellen? Wäre ein längeres gemeinsames Lernen vielleicht besser?

Ganz klar: ja. Ich erinnere mich selbst noch an die Zeit in der Förderstufe: fünfte, sechste Klasse, das ist eine Zeit des Umbruchs. Sich dann erst entscheiden zu müssen, in welchen Bildungsgang man geht, fand ich deutlich positiver. Und ich finde es jetzt sehr früh.

Das Gespräch führte Ekkehard Wolf

Rubriklistenbild: © dpa/

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