Das große Aufräumen hat begonnen

Ein Baum pro Minute: Nach dem Sturm arbeiten die Holzfäller rund um die Uhr

Kahlschlag nach dem Sturm: 500 bis 600 Festmeter Holz werden pro Tag mit dem Harvester gefällt und aufgearbeitet. Dieser Holzstapel am Rand der Forststraße hinter dem Jügesheimer Wasserwerk enthält etwa 300 Festmeter, also die halbe Tagesproduktion.
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Kahlschlag nach dem Sturm: 500 bis 600 Festmeter Holz werden pro Tag mit dem Harvester gefällt und aufgearbeitet. Dieser Holzstapel am Rand der Forststraße hinter dem Jügesheimer Wasserwerk enthält etwa 300 Festmeter, also die halbe Tagesproduktion. 

Eine Schneise der Verwüstung hat der Sturm vom 18. August im Stadtwald hinterlassen. Beim Jügesheimer Wasserwerk hat das große Aufräumen begonnen. Erst jetzt zeigt sich das volle Ausmaß der Schäden: Auf weiten Flächen sind nur einzelne Bäume stehen geblieben. 

Jügesheim – Die meisten müssen weg. So einen Kahlschlag hat man in Rodgau schon lange nicht mehr gesehen.

Eine riesige Arbeitsmaschine fällt die kaputten Bäume im Minutentakt. Ein Greifer packt den Stamm, eine Kettensäge schneidet ihn durch, zwei halbrunde Messer schälen die Äste ab. Mit einem Tempo von fünf Metern pro Sekunde rast der Stamm durch den Werkzeugkopf. Dahinter fällt er in Stücken zu Boden. Zack, zack.

Maschinenführer Alexander Kleene aus Papenburg (Niedersachsen) sitzt im klimatisierten Führerhaus und ist voll konzentriert. Mit zwei joystick-ähnlichen Griffen und mindestens 20 Knöpfen steuert er die mächtige Maschine, die von einem 350-PS-Motor angetrieben wird.

Der Holzvollernter (Harvester) auf den mannshohen Ballonreifen wiegt 20 Tonnen. Trotz der bulligen Kraft lässt sich das acht Meter lange Ungetüm feinfühlig steuern. Unter der kundigen Hand vollführt der schwere Werkzeugkopf fast tänzerische Bewegungen.

Ein ungewöhnlicher Arbeitsplatz: Mit zwei Joystick-Griffen und mindestens 20 Knöpfen steuert Alexander Kleene den riesigen Holzvollernter, der von einem 350-PS-Motor mit acht Litern Hubraum angetrieben wird. Ein Computer erfasst viele Sensordaten und bewertet die Qualität des Holzes, während der Baum gefällt wird.

Es rumpelt mächtig, wenn der Harvester über den unebenen Waldboden fährt. Der Maschinenführer spürt davon wenig: Sein Sitz ist gut gefedert und passt sich dank Luftpolstern genau an die Körperkonturen an.

So schonend und so schnell wie möglich soll die Holzernte geschehen. Innerhalb eines Augenblicks muss der Maschinenführer entscheiden, in welche Richtung der Baumstamm fallen soll. Während der Greifer den Stamm packt, rechnet der Bordcomputer anhand des Durchmessers aus, für welche Verwendung das Holz infrage kommt. Dabei entscheidet er sich für das Sortiment, das am meisten Geld einbringt.

Mit zwei Rückeschleppern setzen Forstwirte die Stammabschnitte am Wegrand zu drei Stapeln auf. Der größte Stapel ist sogenanntes Industrieholz, drei Meter lang, das später zu Papier oder Spanplatten verarbeitet wird. Das Holz der anderen Stapel ist zur Produktion von Paletten (2,50 Meter) und Balken (4,10 Meter) bestimmt.

Dem Sturm vom 18. August fielen innerhalb einer Viertelstunde so viele Bäume zum Opfer, wie die Stadt normalerweise in drei Jahren fällen lässt. „Es ist letztlich Schadensbegrenzung, was wir hier betreiben“, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffmann. Die Stadt wolle das Sturmholz nicht einfach vergammeln lassen.

Da das neu gegründete Holzkontor Darmstadt-Dieburg-Offenbach noch nicht arbeitsfähig ist, hat die Stadt einen Vertrag mit dem Forstbetrieb Marco Müller GmbH (Linsengericht) abgeschlossen, der das Sturmholz als sogenannter Selbstwerber vermarktet. Das große Aufräumen konnte so schon nach wenigen Monaten beginnen. „Es ist eine Herausforderung, überhaupt Maschinen zu bekommen“, weiß Peter Kämmerling, der zuständige Fachdienstleiter im Rathaus.

Der Werkzeugkopf des Harvesters kann einen Baum innerhalb einer Minute fällen, entasten und in genau bemessene Stücke schneiden. Maschinenführer Alexander Kleene kontrolliert das Aggregat regelmäßig.

Die Menge des Windwurfs lässt sich nur grob schätzen. Die Stadt spricht von 25 000 Festmetern, es kann aber auch doppelt so viel sein.

Tag und Nacht ist der Harvester in Betrieb. Die Maschinenführer arbeiten in zwei Zwölf-Stunden-Schichten, um die gigantische Menge an Sturmholz rasch aufzuarbeiten. Sie schaffen 500 bis 600 Festmeter am Tag.

Das aufgestapelte Holz wird fortlaufend abgeholt. Dennoch dürften die großen Stapel in den nächsten Wochen kaum abschmelzen, weil ständig frisch gefälltes Holz dazukommt. Der Bürgermeister hofft, dass die Stadt durch die Vermarktung des Sturmholzes finanziell mit einem blauen Auge davonkommt. „Wir werden in den nächsten Jahren noch darunter leiden“, kündigt er an: „Unser Zehnjahresplan ist jedenfalls Makulatur.“

VON EKKEHARD WOLF

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