Tage der Industriekultur

Wasserturm als Stück Architekturgeschichte

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Über Hainhausen bis nach Frankfurt reicht der Blick aus dem Fenster über dem Wasserbehälter. Zahlreiche Besucher genossen gestern die Aussicht vom Jügesheimer Wasserturm.

Jügesheim - Wasser liefert er schon seit vier Jahrzehnten nicht mehr. Ausgedient hat der Jügesheimer Wasserturm deswegen freilich nicht: Als Treffpunkt und Festplatz bewährte sich das Kulturdenkmal zwischen Waldfriedhof und B45 am Sonntag einmal mehr.

Ein Schmuckstück: Der Jügesheimer Wasserturm vor blauem Himmel in der Abendsonne. 

Zahlreiche Besucher nutzten die Tage der Industriekultur für einen Panoramablick von oben oder ließen das einzigartige Kulturdenkmal von unten auf sich wirken. Einen jahresbezogenen Anlass braucht der Verein Freunde des Wasserturms eigentlich nicht. Sein „Wassertormfest“, offene Türen zu den Tagen der Industriekultur Rhein-Main und am Tag des offenen Denkmals im September sind längst etabliert und Selbstläufer. Die neuerliche Einladung gestern wurde dankbar angenommen: Rund eine Stunde nach Öffnung am späten Vormittag hatten nach Angaben von Vorstandsmitglied Walter Koser bereits etwa 20 Gäste den Aufstieg hinter sich.

Wem aber an Jubiläen und Jahrestagen liegt, der kommt im dritten Jahr in Folge auf seine Kosten. 2016 galt es, den 80. Jahrestag des Baubeginns zu feiern. Ab 1936 nämlich wurde das bis zur Dachspitze 43,5 Meter hohe Bauwerk, das mit seinem 400 Kubikmeter fassenden Hochbehälter für eine sichere Trinkwasserversorgung in Jügesheim, Hainhausen und Weiskirchen sorgen sollte, errichtet. Drei Jahre lang hatten die Ingenieure geplant. Ebenfalls vor zwei Jahren stand beim Wasserturm-Verein das 30-jährige Bestehen an. Im vergangenen Jahr war es dann drei Jahrzehnte her, dass der Wasserturm unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Dieses Jahr stehen drei runde Zahlen im Kalender: 1938 wurde er in Betrieb genommen. 1978 verlor er seine ursprüngliche Funktion. Seither sorgt ein Verbund aus Wasserwerken mit starken Pumpen dafür, dass in Rodgau immer frisches Trinkwasser aus den Hähnen kommt. Und exakt zehn Jahre später, 1988, ging der Wasserturm aus dem Besitz des Zweckverbandes Wasserversorgung Stadt und Kreis Offenbach an die Stadt Rodgau über.

Nicht, dass der „Wassertorm“ ohne Jubiläen und Jahrestage langweilig wäre. Jedes Jahr interessieren sich genug Menschen für ihn, um rund 30 Führungen der Freiwilligen vom Förderverein zu rechtfertigen. Kulturhistorikern gilt er als ein bemerkenswertes Stück Architekturgeschichte. Zeitgleich mit den Wassertürmen in Seligenstadt und Steinheim geplant und errichtet, ist er dennoch ein Unikat: Nur der Jügesheimer Turm trägt die expressionistischen Züge aus den 1920er Jahren. Im Stil orientierte sich der Architekt am Turm von St. Nikolaus in Jügesheim.

Bilder: Sommersonntag in Nieder-Roden

Attraktiv als Ausflugsziel macht den Turm selbstredend auch der Ausblick ins Land. Wer die 170 Stufen bis ganz oben schafft, kann bei klarem Wetter die Skyline von Frankfurt, den Taunus, den Spessart und den Odenwald sehen. Weniger bekannt ist die Bedeutung des Wasserturms für die Geografie: Für Kartografen und Vermessungsingenieure ist er einer von bundesweit nur acht topografischen Referenzpunkten erster Ordnung, gleichrangig etwa mit dem Feldberg im Taunus oder mit der Zugspitze. (zrk)

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