Kabarett der Gruppe „En Haufe Leut“

Am besten nicht verbiegen lassen

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Sven Stripling und Leonie Löw: radikale Kritik aus den Abgründen der Psychiatrie.

Jügesheim - Wie brät man Schweinebraten im Thermomix? Wozu braucht eine Ein-Zimmer-Wohnung 1,5 Autostellplätze? Und warum gibt es in einem der reichsten Länder Europas immer noch eine Armenspeisung? Von Ekkehard Wolf 

Fragen über Fragen – alle aus dem aktuellen Kabarettprogramm von „En Haufe Leut“. Spritzig, unterhaltsam, kritisch: Der bunte Mix reicht vom allzu Menschlichen bis zu fundamentaler Gesellschaftskritik. Noch mehr bewegt viele Zuschauer allerdings die Frage, die Claudia Wenhardt als neue Chefin der Gruppe an den Anfang stellt: „Jetzt fragt ihr euch: Was macht sie anders? Fußstapfen, so groß wie Yeti-Spuren, und überall Erwartungen.“ Die Kernfrage: „Ist ,anders‘ immer besser, nur weil es anders ist?“ Selbstbewusstsein heißt, sich nicht vom Erwartungsdruck verbiegen zu lassen. Selbst denken statt denken lassen: Das ist ein Anliegen von Harald Mahr. Seine Diagnose beim Blick auf den Zeitgeist: „Das Volk der Deutschen, das Dichter und Denker hervorgebracht hat, wird dümmer.“ Oder wie soll man es nennen, dass jemand eine leere Seite ausdruckt, weil er einen Schmierzettel braucht?

Nobi Goergen: köstlicher Ausflug in die moderne Küche.

Einen herrlich absurden Dialog mit dem Lauschsprecher „Alexa“ liefern sich Katja Schweppe, Tanja Rossbach und Elena Smoydzin. Da begegnen sich Hightech und der gesunde Menschenverstand. Carlotta Kawecki hat ihr Debüt als Alexa. Aus dem Leben gegriffen ist der Beitrag von Laurens Tauber, der auf der Bühne älter wirkt als seine 13 Jahre. Er bietet einen Einblick in die Vater-Sohn-Beziehung, die sich in der Jugend ändert. Der Moment, wenn der Vater nicht mehr der Held ist (sich aber noch so fühlt) und der Sohn sich abzunabeln beginnt, ist sensibel eingefangen. An Klavier und Gitarre setzt der 13-Jährige auch musikalische Akzente.

Zu den jüngeren Mitgliedern des Ensembles zählt auch Christina Sturzenegger. Sie fragt: Was macht eigentlich die Europäische Union? Die Antworten ihrer Mutter spielen mit Redensarten, Sprichwörtern und Stereotypen. Da ist „Polen offen“, die Wallonen „haben einen ander belgischen Waffel“ und die Katalanen „leiden an der Spanischen Grippe“.

Nobi Goergen ist ein Meister der Komik, bei dem jedes Wort und jede Geste sitzt. Mit einem Blick kann er Lachsalven auslösen. Die Zuschauer hängen an seinen Lippen und folgen ihm auch auf den verschlungensten Pfaden. Diesmal unternimmt er einen köstlichen Ausflug in die Welt des Kochens. Wenn er von der Edelküchenmaschine Thermomix spricht, ahnt man schon beim ersten Satz: Mit diesem Apparat wird er sich nie anfreunden. Denn was soll man von einem angeblichen Alleskönner halten, der nicht mal für Schweinebraten taugt? Wie dumm muss man sein, um Wasser zu wiegen, anstatt es in Litern zu messen?

Herzlicher Beifall begrüßt Ursula Nöth auf der Bühne. Sie trägt die Gläser mit dem Sauer- und dem Süßgespritzten zum Stammtisch „bei Ammie“, wo Peter Otto, Marvin Kühne und Philipp Janssen über Hitzefrei und Bausünden reden. Als Wirtin im weißen Kittel hat sie für alle ein offenes Ohr und toleriert auch unterirdische Witze: „Ich habe schon Schlimmeres gehört.“ Die Frage aller Fragen darf nicht fehlen: „Wann machen Sie Ihre Wirtschaft eigentlich zu?“ Die Antwort ist so eindeutig wie offen: „Ei, wenn ich aufhöre.“

Kabarett „En Haufe Leut“ in Rodgau: Bilder

Wo ist im selbstfahrenden Auto der Zukunft eigentlich die Hupe? Zielsicher steuert Peter Otto auf jeden Gag zu. Sein Thema: Autonome Autos kratzen am Selbstbewusstsein des Mannes, der bisher stets der Chef am Steuer war. „In so einem Auto fühle ich mich wie auf einem Kinderkarussell.“ Wobei das Feuerwehrauto des Karussells ja wenigstens ein Lenkrad hat, an dem man kurbeln kann.

Laurens Tauber: Einblick in eine Vater-Sohn-Beziehung.

Als Komödiant mit großen Gesten und rollenden Augen beleuchtet Stefan Schmidt den Wahnsinn des Wohnungsmarkts bei steigenden Preisen. Und kleine Wohnungen zu bauen ist schwerer als gedacht. Szenen aus den Abgründen der Psychiatrie spielen Sven Stripling und Leonie Löw. Das ist eine Nummer für Kopf-Hörer: Die Komplexität und Dichte des Textes ist hoch. Ist in unserer Gesellschaft noch Platz für radikale Ansichten? Wie frei ist das Denken und Handeln? Was können Aktivisten erreichen, solange sich am System nichts ändert?

Mit beißender Gesellschaftskritik rundet Marcel Rupp den Abend ab. Die Berliner Politik lasse die wirklichen Probleme ungelöst: „Zehn Prozent der Deutschen besitzen 70 Prozent des Vermögens – Tendenz steigend.“ Rupp geißelt die kriminelle Autoindustrie und sieht mit Sorge, wie sich Rassismus und Nationalismus ausbreiten. Die Frage bleibt offen: Warum muss es in einem Land wie diesem noch Lebensmittel-„Tafeln“ geben?

Eine weitere Kabarettvorstellung ist am Samstag, 1. September, um 20 Uhr in der Aula der Georg-Büchner-Schule.

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