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Kunst aus den Resten des Alltags

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Von: Bernhard Pelka

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Gestern noch Markise, heute Kunst. Karl-Heinz Kalbhenn mit seinen drei Towern.
Gestern noch Markise, heute Kunst. Karl-Heinz Kalbhenn mit seinen drei Towern. © pelka

Nieder-Roden – Um in Rodgau ein Bewusstsein für Nachhaltigkeit zu schaffen, braucht’s keine letzte Generation und keinen Kleber. Es gibt genug Protagonisten, die ihr Handeln nicht nur an der eigenen Lebenserwartung ausrichten. Ein gutes Beispiel dafür ist der Künstler Karl-Heinz Kalbhenn. Er gestaltet schon seit gut 50 Jahren regelmäßig Kunstwerke aus Resten und Sperrmüll und ermuntert Schulklassen und Kitakinder in großen Projekten zum pfleglichen Umgang mit den Ressourcen. In der Spitze (etwa beim Stadtfest im Jahr 2002) nahmen daran bis zu 2 500 Kinder auf einmal teil.

„Ich will den Betrachtern klar machen, was sie in der Hand haben und was daraus Sinnvolles noch entstehen kann. Gerade wenn es sich um vermeintlichen Abfall handelt“, erläutert der städtische Kulturpreisträger, warum bei ihm „nichts weggeworfen wird“. Also ganz der Praktiker. Vielleicht ist diese Haltung auch aus Kalbhenns beruflichem Werdegang erklärbar. Denn warum sollte ein gelernter Betriebsmechaniker, Techniker und Werkstattleiter im Ladenbau kostbares Arbeitsmaterial der Müllpresse überantworten, wenn er es doch vielleicht irgendwann einmal noch gebrauchen könnte?

Im Skulpturengarten am Wohnhaus des ideenreichen Handwerkers finden sich zahlreiche Beispiele für Upcycling-Kunst. Und sobald der 72-Jährige in seinem Haus, das zugleich auch Galerie und Fundus ist, anfängt zu suchen, hält er weitere Objekte dieser Stilrichtung in Händen.

Kalbhenn holt aus dem Keller ein Erstlingswerk – eine glänzende Edelstahlplatte von 1970. Auf ihr reihen sich geometrische Formen aneinander. Sie sind aus Stanz-Abfällen einer metallverarbeitenden Fabrik entstanden. Der Kunst-Macher hat sie kombiniert mit Resten aus der Kunststoffverarbeitung. Und die Perlen in den Ecken sind alten Isolatoren entnommen. Was das darstellt? „Das ist frei definierbar“, sagt der Maler, Bildhauer und Digitalkünstler, der sich keiner festen Stilrichtung verschrieben hat. Das sieht man beim Gang durch die Wohnräume auf den ersten Blick. Abstrakte Bilder hängen nahe bei digital bearbeiteten Fotografien. Gegenüber an der Wand ein großformatiges Relief aus Metall, für das einst vier Personen nötig waren, um es von zuhause zu einer Ausstellung zu schaffen.

Serien von Städteaufnahmen, Landschaften, Porträts, Stillleben, auch von Alltagsgegenständen und mehr, füllen dicke Ordner. Feine Tuschezeichnungen sind die neueste Leidenschaft des vielseitigen Künstlers.

In dessen Garten stehen unter anderem die vergangenes Jahr entstandenen Objekte „Tower 1“, „Tower 2“ und „Tower 3“. Der vielfach begabte Autodidakt hat sie aus alten Metallgestellen angefertigt, die einst ein Sonnendach für einen Freisitz getragen haben. Die dicken Markisenrohre waren die Seitenständer, die dünnen dienten dem Stoff als Führungsrollen. Die gebogenen Bleche wiederum stammen von der Halterung einer alten Sattelitenschüssel. Ein paar Schritte weiter das nächste Beispiel: künstliche Bäume, deren Blätter aus Metall sich im Wind zu wiegen scheinen. Stahlständer tragen die Baumkronen. Die Ständer gehörten früher zur Ladeneinrichtung des alteingesessenen Sportgeschäfts Manus. „Sie standen als Sperrmüll auf der Straße. Da hab’ ich gefragt, ob ich sie mitnehmen darf“, erinnert sich Kalbhenn an den glücklichen Fund. Die Äste der künstlichen Bäume wiederum hat er aus Stanzabfällen gebogen.

In guter Erinnerung sind ihm große Projektwochen mit Schulen. „Einmal haben wir aus Papperesten, Teppichbodenrollen und rahmenlosen Bildhaltern zum Thema ,Körper, Formen und Strukturen’ eine Art Collage gemacht und damit die komplette Bürgerhausbühne in Nieder-Roden ausgefüllt. Sogar ein altes Surfbrett haben wir dafür zersägt.“ Und zum Stadtfest 2002 entstanden aus leeren Fotodosen und leeren Überraschungseiern tausende Figuren zum Thema „Menschen in Rodgau“.

Resteverwertung gehört also zum künstlerischen Credo von Karl-Heinz Kalbhenn. Mit dem Sammeln am Straßenrand ist es derzeit allerdings vorbei: „Ich habe einfach keinen Platz mehr.“ bp

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