Letztes Interview als Schulleiter

Winfried Döring geht nach 26 Jahren in den Ruhestand

+
Auf dem Weg in den Ruhestand: Schulleiter Winfried Döring wird heute in der Georg-Büchner-Schule verabschiedet. Den Bau der Aula im Hintergrund bezeichnet er als eine der besten Entscheidungen seiner Amtszeit.

Jügesheim – Der Generationenwechsel an der Georg-Büchner-Schule (GBS) ist komplett. Das rund 80-köpfige Lehrerkollegium hat sich im Lauf der letzten Jahre von Grund auf verjüngt. Heute wird Schulleiter Winfried Döring in den Ruhestand verabschiedet.

26 Jahre lang leitete er die größte Schule Rodgaus. Im Interview spricht der 66-Jährige über seinen Traumberuf und erklärt, warum er G8-Klassen weiterhin für sinnvoll hält.

Welche Erwartungen hatten Sie als junger Mensch an den Lehrerberuf?

Ich wollte mein Hobby, den Sport, zum Beruf machen. Ich wollte Wissen vermitteln, die Schüler für meine Unterrichtsfächer begeistern und den Zusammenhalt in der Klasse stärken. Lehrer sein bedeutet nämlich viel mehr als „nur“ zu unterrichten, zu benoten und regelmäßig Ferien zu haben. Ein Lehrer soll nicht nur Stoff vermitteln, sondern auch ein Berater, Betreuer und Begleiter sein.

Haben sich diese Erwartungen erfüllt?

Zu Beginn meiner Dienstzeit als Lehrer wurden die Erwartungen in meinem Traumberuf erfüllt. Als Schulleiter war ich aber mit viel Verwaltungsarbeit und Bürokratie beschäftigt. Bei 60 Stunden pro Woche konnte ich nur noch vier Stunden Unterricht erteilen.

Was müsste sich verändern, damit ein Schulleiter öfter vor der Klasse stehen kann?

Einen Teil der Aufgaben könnte man an eine Verwaltungsfachkraft übertragen. Dann wäre ein bisschen mehr Unterricht möglich. Aber die Unterrichtsverpflichtung darf auch nicht zu hoch sein. Als Schulleiter braucht man genügend Zeit, um Gespräche zu führen – mit dem Kollegium, aber auch außerhalb.

Wenn Sie heute noch einmal vor der Wahl stünden: Würden Sie wieder in den Schuldienst gehen?

Sehr gerne, auch wenn die Aufgaben für die Lehrkräfte immer umfangreicher und kräftezehrender werden. Ein Beispiel dafür sind Inklusionsklassen ohne die notwendigen Ressourcen. Gleichzeitig nimmt die Bürokratie zu. Immer instabilere Familienstrukturen führen zu mehr auffälligen Schülerinnen und Schülern. Wir erleben zunehmend Gewalt, Drogenkonsum und eine Null-Bock-Haltung im Unterricht. Die Schule ist eine wichtige Instanz für die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen. Lehrkräfte übernehmen eine sehr schwierige Aufgabe, bei der sie Unterstützung verdienen. Sie müssen zunehmend mit Psychologen, Sozialpädagogen, Schulkrankenschwestern, Therapeuten, Supervisoren und Integrationshelfern zusammenarbeiten.

Als Fußballer haben Sie Anfang der 80er-Jahre in der zweiten Bundesliga gespielt. Welche Erfahrungen aus dem Sport konnten Sie in der Schule nutzen?

Durch intensives Training oder Lernen kann man seine Leistungen erheblich steigern. Der Teamgedanke ist in der Schule genauso wichtig wie im Sport. Als Team kann man erfolgreich arbeiten, ob im Klassenteam oder im Schulleitungsteam. Als Sportler lernt man auch, Verantwortung zu übernehmen, Erfolgserlebnisse zur Motivation zu nutzen und Niederlagen zu verarbeiten. Ich betreibe heute noch regelmäßiges Training, um Geist und Körper fit zu halten.

Während Ihrer Amtszeit hat sich an der GBS viel getan. Was waren die wichtigsten Veränderungen?

Am sichtbarsten sind die baulichen Veränderungen: der Neubau der naturwissenschaftlichen Fachräume und der Aula und die Sanierung des Hauptgebäudes. Auch personell hat sich viel verändert durch den kompletten Austausch des Kollegiums. Die Erziehungsmethoden der Elternschaft haben sich ebenfalls geändert – und wir müssen die Jugendlichen gesellschaftsfähig machen.

Welches war Ihre beste Entscheidung als Schulleiter? Und was würden Sie heute anders machen?

Der Bau unserer Aula – mit Unterstützung der Politik – hat nicht nur die Schule vorangebracht, sondern die ganze Stadt. Wir haben als Kollegium ein vielfältiges Angebot zur individuellen Förderung aufgebaut und die pädagogische Mittagsbetreuung eingeführt. Was ich anders machen würde: Ich hätte die Turboklassen weiterhin angeboten.

War das G8-Gymnasium ein Irrweg? Warum hat es nicht funktioniert?

Viele Rodgauer wollten kein G8. Aus Angst vor Überforderung ihrer Kinder liefen Eltern Sturm gegen das verkürzte Gymnasium. Dabei zeigen Studien, dass hohe Leistungsanforderungen zu besseren Lernergebnissen führen. Die ostdeutschen Bundesländer zeigen, dass das G8-Gymnasium problemlos funktioniert. Die verlängerte Unterrichtszeit macht es möglich, die Hausaufgaben in der Schule zu erledigen. Wenn die Schüler nach Hause kommen, haben sie frei und können ihren Hobbys nachgehen. An der GBS haben wir G 8 und G 9 erfolgreich erprobt. Deshalb halte ich neben G 9 nach wie vor auch eine Turboklasse für sinnvoll, die in acht Jahren zum Abitur führt. Nicht für alle Schüler – aber für die, die Leistung zeigen wollen.

Die GBS ist eine kooperative Gesamtschule, hat aber oft keine fünfte Hauptschulklasse mehr. Ist die Gesamtschule in dieser Form noch zeitgemäß?

Der Grund, warum einige Jahre keine eigenständige Hauptschulklasse zustande kam, liegt in erster Linie darin, dass nach Klasse 4 der Elternwille zählt. Einige Eltern setzen sich über die Grundschulempfehlung hinweg, aber spätestens ab Klasse 7 sind die Schülerinnen und Schüler in der richtigen Schulform angekommen. Deshalb gibt es bei uns in der Regel ab Klasse 6 schon wieder eigenständige Hauptschulklassen. Nach wie vor ist die kooperative Gesamtschule zeitgemäß, da sie alle drei Bildungsgänge der Mittelstufe anbietet und zusätzlich auch Inklusionsschüler aufnimmt. Der Vorteil: Wenn die Kids einen anderen Bildungsgang besuchen wollen oder müssen, brauchen sie die Schule nicht zu wechseln.

Wie würden Sie die aktuelle Situation an der GBS beschreiben?

Im Kollegium herrscht eine tolle Atmosphäre. Das Kollegium ist jung und geht gemeinsam die Probleme an. Es herrscht eine Aufbruchstimmung: Auf geht‘s ins digitale Zeitalter und ins europäische Ausland. iPad-Klassen sind schon gebildet und Verbindungen zu ausländischen Schulen werden über die Erasmus-Projekte geknüpft.

Was haben Sie sich für den Ruhestand vorgenommen?

Ich möchte meine Ehrenämter im Kirchenvorstand und in Vereinen intensiver wahrnehmen, mit meiner Frau Reisen unternehmen, mehr Zeit für die Familie einplanen und mich um meine Enkel kümmern.

Wollen Sie in Zukunft noch ab und zu in Ihrer ehemaligen Schule vorbeischauen?

Wenn ich zu Veranstaltungen eingeladen werde, komme ich gerne. Ansonsten bin ich sicher, dass die gute Bildungsarbeit in der GBS auch ohne mich fortgesetzt wird.

Das Gespräch führte Ekkehard Wolf

Tausende Jugendliche demonstrieren für mehr Klimaschutz

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare