Unschädlich, aber ärgerlich: Industriemüll verunreinigt städtischen Baugrund

Rodgau: Massenweise Lederabfälle im Boden

Kautabaktöpfe aus der Fabrik von Casimir Krafft werden im Internet mit bis zu 250 Euro gehandelt.
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Kautabaktöpfe aus der Fabrik von Casimir Krafft werden im Internet mit bis zu 250 Euro gehandelt.

Beim Aushub für die Außenanlagen an den drei städtischen Neubauten am Ortseingang von Jügesheim sind Schnitt- und Stanzreste aus der Lederverarbeitung und anderer Unrat im Boden gefunden worden. Das Erdreich wird deshalb aktuell etwa zwei Meter tief ausgebaggert, gesiebt, mit frischem Boden vermischt und wieder eingebracht. Erst nach dieser Prozedur können dort rund 80 Drainage-Elemente eines Regenwasserversickerungsgrabens (einer Rigole) versenkt werden.

Jügesheim - In der Planungsphase des Bauprojekts hatten ältere Jügesheimer im Jahr 2017 davor gewarnt, die 30 bezahlbaren städtischen Wohnungen an der Ecke Dudenhöfer Straße / Mühlstraße zu bauen. Die Zeitzeugen bezweifelten, dass dort wegen Altlasten Entwarnung gegeben werden könne – so, wie die Stadt und das Regierungspräsidium dies nach Probebohrungen damals getan hatten. Das Baugelände sei eine verfüllte Kiesgrube und in den 50er und 60er Jahren eine „böse Müllkippe“ gewesen. Zum Beispiel sei dort der Schutt vom Brand einer ehemaligen Firma zur Herstellung von Necessaires an der Kasseler Straße verbuddelt worden.

Die städtische Pressestelle versichert, die nun gefundenen Lederreste seien unschädlich. Allerdings machten sie den Baugrund instabil und dürften deswegen nicht in der Erde verbleiben. Das Baugrundstück war früher eine 3500 Quadratmeter große, parkähnliche Anlage. Sie ist im Besitz der Stadt.

Zu den Funden im Boden zählen auch Unmengen an Glasscherben. Oder noch gut erhaltene Gefäße. Zum Beispiel ein Topf aus robustem Steinzeug, in dem einst Kautabak aus der Fabrik von Philipp Casimir Krafft lagerte. Krafft, an den in Offenbach noch heute eine Straße in ihrem Namen erinnert, wurde am 5. April 1773 in Kaiserslautern geboren. Er starb am 12. Mai 1836 in Offenbach. Der Tabak- und Zigarrenfabrikant gehörte zur industriellen Gründergeneration der 1820er und 1830er Jahre in Offenbach, als die werdende Industriestadt im Großherzogtum Darmstadt systematisch ihre Infrastruktur ausbaute. Er war der erste Offenbacher Landtagsabgeordnete (1820-1824) in der zweiten Kammer des Landtages in Darmstadt und 1821 Mitgründer der Industrie- und Handelskammer Offenbach. Als Unternehmer beteiligte er seine Arbeiter an seinem Reichtum und förderte das 1791 gegründete Komödientheater an der Kirchgasse. Heute erinnern die Krafftstraße, die Krafftsche Villa an der Schlossstraße und Porträts von ihm und seiner Frau Louise Christiane im Haus der Stadtgeschichte an sein Leben. Seine Firma produzierte jährlich 80 000 Pfund Rauchtabak auf dem imposanten Betriebsgelände. Krafft hat auf dem Alten Friedhof an der Mühlheimer Straße seine letzte Ruhestätte gefunden.

Von Bernhard Pelka

Der Baugrund, in den die Regenwasserdrainage (Rigole) eingebaut werden soll, wurde etwa zwei Meter tief ausgebaggert. Dort lagern Abfälle aus der Lederverarbeitung und anderer Müll.
Auf dem Baugelände finden sich massenweise Lederschnipsel.

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