Rodgauer Chöre und Musikvereine beweisen Fantasie und viel guten Willen

Mehr als erfinderisch

36 Stühle stehen im Halbkreis.
+
Im alten Rathaus Dudenhofen: 36 Stühle stehen zwar im Halbkreis bereit, aber Proben können derzeit wegen der Corona-Pandemie nur online stattfinden.

Corona macht erfinderisch. Das gilt auch für Gesang- und Musikvereine. In einer Zeit ohne Proben und Auftritte suchen sie Wege, um den Zusammenhalt zu pflegen und öffentlich präsent zu bleiben. Ergänzend dazu fordern die hessischen Chor- und Musikverbände in einem offenen Brief an die Landesregierung, bei den Corona-Initiativen auch an die Amateurmusik zu denken.

Rodgau – Einige Chöre setzen auf Online-Proben, andere treffen sich zum Video-Stammtisch. Die Polyvocals haben ein Video aufgenommen, der Gesangverein Germania denkt über eine CD-Produktion nach. Auch Musikvereine sind aktiv: Das Konzertorchester aus Nieder-Roden überraschte an Weihnachten mit einem „digitalen Festkonzert“ und die Kollegen aus Dudenhofen veröffentlichten Mitschnitte früherer Konzerte auf Youtube.

„Bei der ersten Online-Probe hat man richtig gemerkt, wie allen das Herz aufgegangen ist“, erzählt Sigrun Kraus vom Gesangverein Germania in Dudenhofen. Seit Ende Januar probt der gemischte Chor „Mixed Generations“ per Videokonferenz. Chorleiter Alexej Gubin sitzt am Klavier und singt vor – und alle anderen singen zuhause mit. Der einzige Unterschied zur normalen Probe: Die Choristen sind nicht zu hören. Sie schalten ihre Mikrofone auf stumm, weil die Tonsignale im Internet nur verzögert übertragen werden. Dadurch fehlt nicht nur das gemeinsame Klangerlebnis: Der Chorleiter kann auch keine Fehler hören und korrigieren.

Dennoch sind die Sänger begeistert. „Obwohl jeder alleine singt, lernt man sehr viel dabei“, sagt Winfried Mahr. „Es ist ein sehr intensives Proben, weil wir wirklich eine Dreiviertelstunde singen“, ergänzt seine Chorkollegin Irmtraud Nenner. Die Mixed Generations haben ihre Probenzeit dienstags von 19 bis 22 Uhr so aufgeteilt, dass jede Stimmlage einzeln übt. Auf diese Weise ist es möglich, sich neue Stücke zu erarbeiten, zum Beispiel das „And So It Goes“ von Billy Joel oder ein Beatles-Medley. Der Chorleiter verschickt MP3-Dateien zum Üben daheim.

„Gesang und Geselligkeit“ hat sich der Gesangverein Germania auf die Fahne geschrieben. Das funktioniert auch im Internet: Während eine Stimmgruppe probt, treffen sich die anderen in einem virtuellen Konferenzraum. Am Fastnachtsdienstag zum Beispiel trafen sich die Sänger im Kostüm und mit einem Glas Sekt.

Auch die Mixed Voices des AGV Sängerkranz Jügesheim pflegen ihre Gemeinschaft per Videokonferenz. „Wir treffen uns mittwochs zur Singstundenzeit, um zusammen zu schwätzen“, berichtet Chorsprecherin Anette Schwarz. Wer gerade Zeit hat, kommt dazu und bleibt eine halbe oder eine Dreiviertelstunde. „Auch ein paar passive Mitglieder, die schon lange nicht mehr singen, haben sich zugeschaltet“, freut sich Anette Schwarz. Die Arbeit im Chor ruht: Im Oktober fanden zwei Proben im Saal der Emmausgemeinde statt. Dann kam der Lockdown.

Beim AGV Volkschor Dudenhofen dauert die Durststrecke schon viel länger. „Es ist nun genau ein Jahr her, dass wir unsere letzte Chorprobe durchführen konnten“, schrieb Vorsitzender Gerald Klein an die Mitglieder: „Seit dem 12. März 2020 ruht unser Vereinsleben und unser Alltag ist noch immer stark eingeschränkt.“

Auch beim Musikverein Dudenhofen ruht die Probenarbeit. „Wir halten Kontakt per E-Mail und per Whatsapp“, berichtet Vorsitzender Jens Subtil. Lediglich Vorstandssitzungen finden per Videokonferenz statt. „Wenn es wieder losgeht, müssten wir eigentlich alle gut spielen können, weil wir so lange Zeit hatten, zuhause zu proben“, hofft Jens Subtil. Er rechnet mit Anlaufschwierigkeiten: „Ich denke, dass viele aktive Musikerinnen und Musiker auch vorsichtig sind, wenn’s wieder ans Proben geht. Wir wollen da nichts riskieren.“ Aus Rücksicht auf die Mitwirkenden habe der Verein auch ein Videoprojekt am Beginn der Pandemie gestoppt: Ein falscher Ton während eines Konzerts sei schnell vergessen, im Internet bleibe er dauerhaft.

Ob Orchester oder Chor: Amateurmusiker müssen sich im Corona-Lockdown mehreren Herausforderungen stellen. Sie wollen ihr Publikum nicht verlieren sowie ihr künstlerisches Niveau halten und ihre Mitglieder bei der Stange halten. Veranstaltungen sind notwendig, um laufende Ausgaben zu bestreiten. Etwa das Honorar des Dirigenten. Für die meisten Gesang- und Musikvereine ist es selbstverständlich, ihre musikalischen Leiter auch im Lockdown zu beschäftigen. Winfried Mahr: „Wir haben auch eine soziale Verantwortung.“

„Vereine, die nur die Tradition verwalten, werden sich nicht halten können“, sagt Winfried Mahr vom Gesangverein Germania. Das gelte nicht nur in Pandemiezeiten. Vorstandskollegin Sigrun Kraus ergänzt: „Die Vereine sterben, wenn sie die Strukturen nicht zusammenhalten können.“ Deshalb denkt sie auch an die Sänger des Germania-Männerchors, die für Online-Proben zu alt sind: Sie dürfen sich in den nächsten Tagen auf ein Überraschungspäckchen freuen.

Der gemischte Chor der Polyhymnia will ein erstes Online-Video veröffentlichen. „We‘ll Meet Again“ ist ein Mutmacher-Lied aus dem Jahr 1939. Das „Wir werden uns wiedersehen“ sollte die Familien der Soldaten trösten, deren Angehörige in den Krieg zogen. Jetzt hat das Lied eine neue Bedeutung. (Von Ekkehard Wolf)

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Mehr zum Thema

Kommentare