1. Startseite
  2. Region
  3. Rodgau

„Meine Familie nennt mich Paul“

Erstellt:

Von: Andreas Pulwey

Kommentare

Hanne Schreier in ihrer Küche
Kochen ist Hanne Schreiers Leidenschaft. Elsässische Gerichte kommen bei ihr gern auf den Tisch. Die Schürze mit ihrem Spitznamen „Paul“ ist ein Geschenk der Enkel. © Pulwey

Hanne Schreier aus Rodgau wird von ihrer Familie „Paul“ genannt. Wie kommt eine Frau zu diesem Spitznamen? Hier ist die denkwürdige Geschichte.

Nieder-Roden – Hanne Schreier blättert voller Freude in den bunten Seiten ihres Gästebuchs. „Das haben meine Enkel gemalt“, freut sich die Nieder-Röderin über die vielen liebevollen Grüße. Wenn sie in ihrer Maisonettewohnung Besuch bekommt, tragen sich Gäste gerne in dem Buch ein. Fast jede Seite ist mit blumigen „Geschenken“ dekoriert, sie drücken die respektvolle Anerkennung gegenüber dem Familienoberhaupt aus.

„Meine Familie nennt mich Paul“, erklärt Hanne Schreier. Ihr verstorbener Gatte ließ sich 1974 den außergewöhnlichen Rufnamen einfallen. „Paul fand er schick.“ Für die gebräuchlichen Nettigkeiten wie Schätzchen, Mäuschen oder Liebling hatte er nicht viel übrig. In den vielen Jahren ihres gemeinsamen Lebens wurde der männliche Vorname zur gewohnten Ansprache. Der Kosename erinnert Hanne Schreier an diese wunderschöne Zeit. Von 1996 bis 2010 verwirklichten sich die beiden ihren Lebenstraum. Jedes freie Wochenende verbrachte das Paar im Elsass. „Die Art zu leben zog uns an, es wird an der Kleidung gespart, aber nie an gutem Essen.“

Bald gehörte dem Ehepaar Schreier ein Haus im Neubaugebiet eines Dorfes. Das große Grundstück am Hang verpflichtete zu sehr viel Gartenarbeit; manchmal zu viel. Die freundlichen Nachbarn rückten an und griffen Hanne Schreier und ihrem Mann unter die Arme.

Ein kompetenter Handwerker aus der Nähe war herzlich willkommen. Allerdings entpuppte sich der gute Mann als Analphabet: er konnte nicht schreiben und nicht lesen. Und die Sprachbarriere förderte nicht gerade die Kommunikation. „Ich musste meine Anweisungen exakt mitteilen“, erinnert sich Hanne Schreier.

Ihr deutsches Organisationstalent entsprach wohl nicht ganz der gemütlichen Lebensweise der Elsässer. So betitelten die Nachbarn sie „Madame Zackzack“.

Obwohl es die französische Nachbarschaft nie böse meinte (denn es kam zack zack ein gutes Essen für alle Helfer auf dem Tisch), der Zuhause übliche Spitzname „Paul“ gefällt Hanne Schreier besser. Die ganze Familie sagt „Paul“ zu mir, meine Tochter, meine Enkelkinder und mein Schwiegersohn. Sogar die ganz junge Urenkelin blickt zur Urgroßoma auf, wenn der Ruf nach „Paul“ erklingt.

Inzwischen machen die Varianten „Pauli“ oder „Paulchen“ die Runde. Die Briefe und Grüße beginnen mit diesen Anreden, sie drücken die Liebe zu Mutter, Großmutter und Urgroßmutter aus. (Andreas Pulwey)

Auch interessant

Kommentare