Zuwanderer aus der Türkei

Mutige Reise ins Ungewisse: 90-Jähriger erinnert sich an seinen Start in Rodgau

Seyfettin Arslan (links) im schicken Privat-Dress vor einem Neubau seines Arbeitgebers.
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Seyfettin Arslan (links) im schicken Privat-Dress vor einem Neubau seines Arbeitgebers.

Als die ersten Zuwanderer aus der Türkei nach Rodgau kamen: Vor 60 Jahren beginnt Seyfettin Arslan ein neues Leben im Kreis Offenbach.

Dudenhofen – Am 30. Oktober vor 60 Jahren regelte das Auswärtige Amt Bonn mit der türkischen Botschaft die Entsendung von Arbeitskräften aus der Türkei nach Deutschland. Dieses Anwerbeabkommen hat auch das Leben von Seyfettin Arslan verändert. Er gehörte 1966 zu den ersten türkischen Gastarbeitern in Rodgau – und ist bis heute geblieben.

Ein vergilbtes Foto aus den späten 60ern zeigt Seyfettin Arslan, wie er auf einem Stapel Betonplatten mit einem Kollegen vor einem Rohbau seines Arbeitgebers sitzt. Arslan trägt eine schicke Anzughose, dazu ein schneeweißes Hemd, Krawatte und Sonnenbrille. Die Anzugjacke hängt neben ihm. Lässig schlägt der Mann mit dem markanten Schnauzbart die Beine übereinander.

Gastarbeiter kommt nach Rodgau: Maurer in Hochhäusern der Chinamauer

So entspannt war das Leben des damals jungen Mannes nicht immer. Im Gegenteil. Als Maurer der Baugilde Nord in den Hochhäusern der Chinamauer, von Reihenhäusern am Leipziger Ring, in der Gartenstadt und der Seestraße, musste er sein Geld hart verdienen. Arbeiten, essen, schlafen: das war sein Lebensrhythmus. Und das in der Fremde – ohne Sprachkenntnisse.

Heute kann man sich kaum vorstellen, dass der schwere Entschluss, die Familie zurückzulassen und als türkischer Zuwanderer nach Deutschland zu gehen, tatsächlich Entwurzelung und eine einschüchternde Reise ins Ungewisse bedeuteten. Kein Internet, das in Echtzeit Eindrücke von jedem nur erdenklichen Winkel der Welt vermittelt. Keine Nachrichten im Fernsehen. Höchstens Briefe, Telegramme und im Glücksfall ein Telefonat in die Heimat. Mehr ging nicht an Kommunikation.

Das Original-Bahnticket für die zweite Anreise 1967.

Türkischer Einwanderer in Rodgau: Kontakt zur Familie ist eine Herausforderung

Seyfettin Arslan stammt aus einem Dorf unweit der Großstadt Erzurum in Ost-Anatolien. Mit seiner im vergangenen März verstorbenen Frau Ilhame hat er sieben Kinder. Im Dorf gab es kein Fernsehen, sondern lediglich einige Radios. Das einzige Telefon stand im Büro des Gemeindevorstehers. In der Fremde Kontakt zur Familie zu halten, war eine Herausforderung. Das führte manchmal zu beklemmenden Situationen. Als ein Erdbeben Anatolien erschütterte, wartete eins seiner Kinder fast einen ganzen Tag lang am Telefon beim Gemeindevorsteher, bis endlich Kontakt zum Vater zustande kam. Der hatte zuvor morgens den Gemeindevorsteher angerufen und ihn dringend gebeten, für ein zweites Telefonat jemand von der Familie an den Apparat zu holen, weil er natürlich unbedingt wissen wollte, wie es allen geht.

Arbeitsplätze gab es daheim fast nur in der Landwirtschaft. Das war für den jungen Mann nach dem Wehrdienst keine Perspektive. Er hatte zwar die Option, eine Polizeischule zu besuchen. Deutschland war ihm dann aber doch lieber – und er bewarb sich beim Arbeitsamt. Im März 1966 kam der heute 90-Jährige in die BRD. Bereits am Bahnhof in Istanbul hatten Vertreter deutscher Firmen gewartet, um die Gastarbeiter im Zug zu begleiten. „Ab München haben sie angefangen, uns einzuteilen. Ich kam als Maurer mit 32 anderen zur Baugilde Nord nach Nieder-Roden“, erinnert sich der Senior. „Ich wollte zwei, drei Jahre bleiben und mir mit dem Geld zuhause was aufbauen. In Nieder-Roden haben mir die Umstände dann aber gefallen. Ich habe die Leute gemocht und die Leute haben mich gemocht.“

Göksal und Seyfettin Arslan leben mit der Familie in Dudenhofen – alle unter einem Dach.

Arbeit in Rodgau kein Zuckerschlecken: Zurück in die Türkei

Die Arbeit war kein Zuckerschlecken. Dazu die wirtschaftlichen Höhen und Tiefen seines Arbeitgebers: Wegen Auftragsmangels schickte die Baugilde die Gastarbeiter schon kurz nach deren Ankunft zurück in die Türkei, um sie ein paar Monate später per Postkarte in Türkisch wieder einzuladen: „Wir bitten Sie, sich zum oben genannten Zeitpunkt zum Arbeitsbeginn hier einzufinden. Viele Grüße. Baugilde Nord GmbH.“

Zu Arslans Aufgaben gehörte es auch, gegenüber dem Bürgerhaus Nieder-Roden ein Lager der Baugilde mit Bäumen und anderen Gehölzen zu bewachen. Die sollten nach Fertigstellung von Neubauprojekten die Gärten und Außenanlagen verschönern. „In einer Nacht kamen drei Diebe mit Lastwagen und Anhänger. Ich habe sie entdeckt. Zwei sind geflohen, einen habe ich festgehalten und bis zum nächsten Morgen bewacht. Dann kam der Chef und ich konnte ihn übergeben.“ Als Belohnung gab es ein zusätzliches Monatsgehalt.

1968 gab es einen ersten Versuch, die Familie nachzuholen. Er scheiterte aber an Sprach- und Schulproblemen. Also ging die Familie wieder zurück. Erst der zweite Anlauf 1974 glückte.

Einer seiner Söhne ist in Rodgau bekannt

Pepsi in Nieder-Roden und eine Textilfabrik waren nach der Insolvenz der Baugilde weitere berufliche Stationen von Seyfettin Arslan. Dann ging er in Rente. Einen seiner Söhne, Göksal Arslan, kennen die Rodgauer besonders gut. Er erkannte schon früh die Themen, die für Gastarbeiter wichtig sind, kandidierte beim ersten zu wählenden Ausländerbeirat 1993 und führte ihn in Rodgau zu einer gesellschaftlichen Kraft. Unter Arslans Vorsitz im Beirat kam im Stadtparlament im Jahr 2000 das erste Integrationskonzept in Hessen zustande. 2007 wurde es aktualisiert. Das von ihm geforderte Integrationsbüro arbeitet heute als ein Büro für Teilhabe und Vielfalt, das mitwirkte an der Rodgauer Vielfaltserklärung 2019.

Der engagierte Rodgauer gündete den Türkischen Elternverein mit regelmäßiger Hausaufgabenhilfe, wirkte mit beim Ausbildungsforum und initiierte das später hessenweit übernommene Projekt „Mama lernt Deutsch“. Hintergrund dessen war die Erkenntnis, dass Bildung ein Schlüssel zur erfolgreichen Integration ist. Den Anliegen der Zuwanderer Gehör zu verschaffen, war immer sein Antrieb. Das muss Göksal Arslan vom Vater haben. Denn der beteiligte sich schon im Dezember 1966, als Nieder-Roden noch zum Landkreis Darmstadt-Dieburg gehörte, an der Gründung des Vereins Türkischer Arbeitnehmer in Dieburg und Umgebung.

Wie sind die 55 Jahre in der Fremde denn nun gewesen? Wie war das Leben in Deutschland bisher? „Ich bin zufrieden. Sonst hätte ich es nicht gemacht“, zieht Seyfettin Arslan sachlich Bilanz. (Bernhard Pelka)

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