Wohnen im Industriegebiet muss Ausnahme bleiben

Ärger um Schwarzbau in Jügesheim: Suche nach Lösung mit Augenmaß

Industriegebiete sind nicht zum Wohnen gedacht – hier ein Blick auf Nieder-Roden-Süd. -  Luftbild: Axel Häsler
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Industriegebiete sind nicht zum Wohnen gedacht – hier ein Blick auf Nieder-Roden-Süd.

Rodgau - Das Vorgehen der Bauaufsicht gegen Eigentümer und Mieter eines Wohnhauses im Industriegebiet Jügesheim bleibt ein Einzelfall. Die Behörde will nicht systematisch nach unerlaubten Wohnungen fahnden. Von Ekkehard Wolf

Noch ist unklar, was aus den 13 Betroffenen werden soll, deren Schicksal in dieser Woche bundesweit Schlagzeilen machte. Die Stadt fordert eine Lösung mit Augenmaß – aber das ist leichter gesagt als getan. Die Bezeichnung ist eindeutig: Industriegebiete sind für Unternehmen da. Und zwar auch für solche Betriebe, die man anderswo nicht haben will, weil sie laut sind, stinken und viel Verkehr verursachen. Drei solcher Gebiete gibt es in Rodgau: in Jügesheim, Nieder-Roden und Weiskirchen. Wohnen ist dort verboten. Ausnahmen gelten nur für Firmenchefs oder Aufsichtspersonal.

Drei Industriegebiete gibt es in Rodgau.

Ein Mietshaus ist dort eindeutig unzulässig. Ein aktueller Fall betrifft die Otto-Hahn-Straße 4 in Jügesheim – ein Wohnhaus, das es laut den Akten gar nicht geben dürfte. Nach Angaben der Eigentümer steht es aber seit 34 Jahren. Ein Hinweis aus der Bevölkerung hatte die Bauaufsicht auf die Spur dieses Schwarzbaus gebracht. Jetzt erhielten die Mieter amtliche Briefe, in denen sie mehr oder weniger zum Auszug aufgefordert wurden. Unsere Zeitung berichtete darüber am Mittwoch.
Der Kreis hatte die Eigentümer des Hauses nach eigenen Angaben bereits vor vier Jahren auf den rechtswidrigen Zustand hingewiesen und aufgefordert, die Mietverträge auslaufen zu lassen. Die Eigentümer renovierten jedoch das Gebäude und schlossen sogar neue Mietverträge ab.

Bei der aktuellen Rechtslage sieht der Kreis Offenbach nur eine einzige Möglichkeit, das Gebäude zu legalisieren: als Bürohaus, wenn die Eigentümer einen Bauantrag stellen. Den Mietern wäre damit aber nicht geholfen. Sie müssten raus, weil man im Industriegebiet nicht wohnen darf.

„Ich würde empfehlen, die Aufgeregtheit erst mal ein Stück herunterzuzoomen“, sagt Rodgaus Erster Stadtrat Michael Schüßler. Er sei dagegen, unschuldige Mieter „in einem total überhitzten Wohnungsmarkt“ auf die Straße zu setzen. Stattdessen gelte es, alle Fakten zu sammeln und in Ruhe eine sachliche Abwägung vorzunehmen: „Man muss sich mit Sinn und Verstand über Lösungsmöglichkeiten unterhalten.“ Ein Problem, das seit 34 Jahren bestehe, sei mit Aktionismus nicht zu lösen.

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Schüßler plädiert für „eine sinnvolle Form der Koexistenz“. Den Vorschlag, aus dem Industriegebiet ein Mischgebiet zu machen, sieht er kritisch. Das Gebiet J 9 sei „in weiten Teilen logistik- und entsorgungsgeprägt“. Emissionen und Schwerverkehr stünden im Widerspruch zum Wohnen. Viele Betriebe hätten sich dort im Einklang mit dem Bebauungsplan angesiedelt: „Es gibt legale Bestandsrechte, und diese gilt es uneingeschränkt zu akzeptieren.“

„Wenn denn die Lösung aller Probleme beim Mischgebiet läge, wäre Rodgau ein einziges Mischgebiet“, sagt der Erste Stadtrat. Die Frage, welche Form des Gewerbes „störend“ sei, lasse sich zwar an Grenzwerten festmachen, werde aber von jedem Anwohner unterschiedlich empfunden. Außerdem sei es unmöglich, Industrie- und Mischgebiet direkt nebeneinanderzusetzen – dazwischen sei ein Gewerbegebiet als Puffer notwendig.

Abgesehen von Weiskirchen-Ost wolle Rodgau keine weiteren Wohngebiete östlich der Bundesstraße 45 ausweisen, bestätigt Michael Schüßler: „Auch der regionale Flächennutzungsplan gibt das nicht her.“

In den Rodgauer Industriegebieten gibt es etliche Wohnhäuser – nicht nur in der Otto-Hahn-Straße 4. „Wenn man sehenden Auges durchfährt, sieht man, dass dort auch Menschen wohnen“, sagt Erster Stadtrat Michael Schüßler. Er gehe davon aus, dass das auch erlaubt sei: „Für mich gibt es auch keinen Anlass, daran zu zweifeln.“

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Ähnlich sieht das der Kreis Offenbach: „Gesetzgeber und Bauaufsicht gehen grundsätzlich davon aus, dass erteilte Genehmigungen auch eingehalten werden“, sagt Pressesprecherin Kordula Egenolf: „Ohne Grund gibt es keine Kontrollen.“ Die Bauaufsicht des Kreises habe auch gar nicht genug Personal für eine flächendeckende Fahndung. Hinweisen müsse die Behörde aber nachgehen: „Wenn uns Fälle angezeigt werden, wo es Unregelmäßigkeiten gibt, dann geht ein Baukontrolleur vor Ort und überprüft anhand der Akte und dem Istzustand: Was ist dort genehmigt und was nicht?“

Eine „Fehlnutzung von Gebäuden in Gewerbe- und Industriegebieten“ wie in der Otto-Hahn-Straße 4 komme immer mal wieder vor, so Egenolf. Der Kreis führe darüber aber keine Statistik. In Rodgau gebe es derzeit kein weiteres Verfahren.

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