Stadt renaturiert im Gewerbegebiet als Ausgleich ein weiteres Stück Rodau

Rodgau: Neue Heimat für Tiere und Pflanzen

Biologin Juditha Sender an der frei gebaggerten Flut-Mulde (einer künstlichen Abzweigung der Rodau). Sie soll Amphibien als Laichhabitat dienen.
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Biologin Juditha Sender an der frei gebaggerten Flut-Mulde (einer künstlichen Abzweigung der Rodau). Sie soll Amphibien als Laichhabitat dienen.

Renaturierung bedeutet „zurück zur Natur“. Genau das hat die Stadt jetzt an einem weiteren Abschnitt der Rodau ermöglicht – und dem Bach damit sein ursprüngliches Gesicht zurückgegeben. 35 000 Euro kostete die Renaturierung im Gewerbegebiet Nieder-Roden (N 27). Biologin Juditha Sender, die im Rathaus für den Artenschutz und die Biotopentwicklung zuständig ist, hat gestern die Maßnahme zusammen mit Bürgermeister Jürgen Hoffmann und weiteren Magistratsmitgliedern vorgestellt. Und wie bestellt gesellten sich dazu willkommene Gäste: ein Eisvogel und ein Graureiher. Und das nur ein paar Meter von der viel befahrenen Rodgau-Ringstraße und großen Logistikbetrieben entfernt!

Rodgau - Seit Jahren entlässt die Stadt ihren Haus-Bach durch Eingriffe aus seiner einst künstlich geschaffenen Begradigung ins ursprüngliche Bett. Jetzt schlängelt sich die Rodau auch im Gewerbegebiet N 27 am Ufer entlang und soll sich neue Räume erobern. Positiver Nebeneffekt aus Sicht der Stadt: Das naturnähere Erscheinungsbild bietet Tier- und Pflanzenarten ein neues Zuhause.

Die Renaturierung im N 27 begann 2015. Ende 2018 wurde dann ein etwa 20 Meter breiter Streifen entlang der Rodau freigeräumt. So bildete sich ein unweit des alten Industriebahngleises ein Uferrandstreifen auf zehn Metern aus. Eine Böschung mit sechs Meter Breite und 1,5 Meter Höhe und ein daran anschließender vier Meter breiter Weg entstanden. Im Winter 2019 wurde das Ufer auf einer Länge von etwa 160 Metern und einer Breite von maximal zehn Metern aufgeweitet und abgeflacht. Zudem legte ein Bagger eine Flut-Mulde frei. Ziel war es, schon nach kurzer Zeit ein abwechslungsreiches Ufer mit variablen Böschungsneigungen und vielgestaltigen Flachwasser- und Wasserwechselzonen zu erhalten.

Als Holzbuhnen dienten dort gerodete Weiden. Eeine Buhne ist ein rechtwinklig zum Wasserlauf vorgebauter oder vom Ufer zur Flussmitte hin errichteter Damm, der dem Küstenschutz oder dem Flussbau dient. Diese Hindernisse sorgen dafür, dass sich die Rodau einen neuen Weg suchen muss, sodass möglichst vielfältige Lebensräume für Wasser bewohnende Tiere entstehen.

Am nordöstlichen Ufer sollen Gehölze, Sträucher und Stauden ungehindert wachsen. Pflegemaßnahmen werden für die nächsten Jahre zurückgestellt. Südwestlich davon schließen sich die Flut-Mulde und ein großes Biotop (Großseggenried) an. Die temporär mit Wasser gefüllte Flut-Rinne soll Amphibien als Laichhabitat dienen. Das geschützte Großseggenried blieb von der Renaturierung unberührt, wird auch zukünftig von baulichen Planungen ausgenommen und bleibt der Natur überlassen.

35 Schwarzpappeln nachgepflanzt

Rinne und Ried werden bedarfsweise von Baum- und Strauchbewuchs freigehalten, um eine ausreichende Belichtung zu gewährleisten. Neben der Artenschutzmaßnahme für Amphibien (Zauneidechse) erfolgten auch Strauchpflanzungen für Vögel. Zusätzlich blieb auch ein 15 Meter breiter Waldstreifen zwischen einer künftigen Gewerbefläche und dem Großseggenried erhalten. Es besteht die Hoffnung, dass sich die potenziell in diesem Areal vorkommende Zauneidechse im Schotterbett des alten Industriebahngleises, in einem Steinhaufen dort und auf einer Sandfläche heimisch fühlt.

Die Stadt rechnet nicht damit, dass es durch die Maßnahme zu einer ähnlichen Situation kommt, wie an der renaturierten Rodau in Jügesheim und Hainhausen. Dort bringen Anwohner die Renaturierung in Zusammenhang mit regelmäßiger Überflutung von Gärten.

Erfreulich geht es an der Rodau – abgesehen von der Renaturierung – auch weiter Richtung Rollwald zu. Axel Karl und seine Männer vom städtischen Fachbereich Grünflächen und Forst haben dort Schwarzpappeln nach-gepflanzt. Auch am Finkenweg in Jügesheim und in Hainhausen Richtung Rembrücken wurden sie aktiv. Die insgesamt 35 Pappeln stammen vom botanischen Garten Frankfurt und kosteten die Stadt keinen Cent.

Die jungen Bäume sind Nachzuchten von Pappeln aus der Region (zum Beispiel aus Mühlheim) und somit ideal für eine Pflanzung an der Rodau geeignet. Da die Exemplare eine schon recht stattliche Größe von zwei Meter hatten, war es geboten, sie jetzt endlich zu pflanzen. Also handelten die Forstwirte vom Waldbauhof schnell.

Früher gab es nahezu in ganz Rodgau entlang der Rodau ein grünes Band von großen Pappeln. Die schnell wachsenden Bäume wurden vor rund 80 Jahren zur möglichst raschen Holzgewinnung gepflanzt, jedoch nie dafür genutzt. Groß und mächtig wuchsen sie entlang der Rodau in die Höhe.

Aufgrund ihres Alters und durch zunehmende Schäden – auch wegen Unwettern und Stürmen – mussten in den letzten Jahren zur Verkehrssicherung die meisten Pappeln gefällt werden. Die größte zusammenhängende Anzahl von Pappeln steht derzeit noch an der Rollwaldwiese – wird jedoch auch dort nach und nach immer lichter.

Um solche einst Ortsbild prägenden Baumreihen auch künftig zu erhalten, wurden nach Rücksprache mit der Unteren Naturschutzbehörde auch neben noch stehenden Altbäumen jetzt neue gepflanzt. Dabei wurde darauf geachtet, dass sich keine Wohnbebauung in unmittelbarer Nähe befindet, um einer später möglichen Gefährdung durch Grünholzbruch vorzubeugen.  (bp)

Künstliche Ausbuchtungen (hier von Schnee bedeckt) sollen bewirken, dass sich die Rodau weitet.

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