Wie mit Störtebeker auf See gelandet

Publikumserfolg - Beeindruckende Freiluftaufführung in Nieder-Roden

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Inszenierungsgag: Die Gefängnisgitter trugen die Insassen mit sich herum.

Das Ende ist erst der Anfang. Dieses Motto bestimmt das Stück „Wer ist der Mann ohne Kopf?“ von der Gruppe „Großes Welttheater“, das am Donnerstag in Nieder-Roden Premiere hatte.

Nieder-Roden - Gleich zu Beginn wurde Klaus Störtebeker enthauptet – wenn auch vor einer beeindruckenden Freilichtkulisse neben der Station der Feuerwehr Süd. Während viele vom sagenumwobenen Ende Störtebekers gehört hatten, hielten die folgenden vier Akte, die seinen Lebensweg bis in die Kindheit behandelten, für die meisten Zuschauer neue Gesichtspunkte bereit. Die Zuschauer mussten aber in Anbetracht des wiederkehrenden Regens ein gewisses Maß an Durchhaltevermögen beweisen.

Für Bühnenbild und Inhalt des Stückes hätte das Wetter kaum besser sein können, schließlich spielte sich Störtebekers Geschichte auf der Ost- und Nordsee (damals Westsee genannt) und in rauen Hafenstädten wie Hamburg ab. Ein bewölkter Himmel, Regen und Wind, man hatte zuweilen als Zuschauer das Gefühl, mit Störtebeker auf See zu sein. Glücklicherweise gab es für die Zuschauer etwas, das viele Besucher gleich beim Einlass an der Kasse erwarben: Regenponchos für zwei Euro. Gegen die raue See gerüstet, konnte die Reise Störtebekers mit Verzögerung beginnen.

Hauptrolle auf fünf Personen verteilt

Das Leitmotiv des Schauspiels von Vereinsmitglied Thomas Auerswald, eigens für die Theatergruppe geschrieben, lautete „Wer ist der Mann ohne Kopf?“ Denn nachdem der Protagonist in Persona von Stefan Schmidt schon im ersten Akt seinen Kopf verlor, wurde in vier weiteren Akten das Leben von Klaus Störtebeker skizziert, wobei in jedem Akt ein jüngerer Störtebeker übernahm, zunächst Christian Auerswald, dann Andrej Korinth, Valentin Hartmann und zuletzt Justus Nieß. Dies war auch für Stefan Schmidt etwas Neues. Schmidt kennt man als Fastnachtsprinz, aus dem Kabarett „En Haufe Leut“ und den Inszenierungen von Tanja Garlt in der Gärtnerei Fischer. Wenn die Hauptrolle auf fünf Personen verteilt werde und man im ersten Akt schon den Kopf abgeschlagen bekomme, stelle dies eine Entlastung hinsichtlich des Textlernens und des Probens dar, scherzte der frisch Enthauptete, während sich auf der Bühne die anderen Störtebekers austobten.

Was allerdings Entlastung für die einzelnen Rollen bedeutet, stellt für die Regie mitunter einen umso größeren Kraftakt dar, schließlich mussten Bettina Hartmann und Erik Schmekel sich um die Koordination von über 80 Leuten Stück kümmern. „Eine Freilichtaufführung mit 53 Sprechrollen und fast noch mal so vielen Statisten ist eine Herausforderung“, erzählten die beiden: Auch Tanz und Musik dank der Tänzerinnen der SG Nieder-Roden und der Sänger der Polyhymnia waren integriert. Für Vorstandsvorsitzenden Steffen Hartmann und sein Team war vor allem der Entwurf der Bühne und der Zusammenbau nicht ohne. Doch die Arbeit war ihre Mühe allemal wert gewesen. Das Bühnenbild war gerade vor der Freilichtkulisse und bei diesem Wetter einmalig. Neben der Hauptbühne waren Schiffsmasten zu sehen: So hatten die Theatermacher Ost- und Westsee angedeutet. 

Piraten, Schwerter und reichlich Kampfszenen.

Spannungsverhältnis zwischen Gänsehaut, Gelächter und Zwischenapplaus

Die Gitter der Gefängniszellen, in denen Piraten saßen, mussten sie selbst vor sich hertragen, als sie durchs Publikum auf die Bühne wanderten und gesanglich vom Pöbel empfangen wurden. So war die Atmosphäre stets vom Spannungsverhältnis zwischen Gänsehaut, lautem Gelächter und kräftigem Zwischenapplaus geprägt. Kein Wunder, denn das Stück hatte neben Piraterie und Enthauptung noch Politisches, Gags rund um einen Henker (Lars Keller), der in seine Axt verliebt ist und eine verstrickte Liebesgeschichte zu bieten. Während Talina (Maybrit Gutschling) als Ex-Geliebte die Rückkehr von Störtebeker erwartet, steht dieser mit seiner Piratengemahlin Asta (Simone Maier) beim letzten Wiedersehen auf dem Schafott. Die Kernfrage bleibt offen: War Störtebeker Pirat oder Freiheitsheld? Weitere Termine: Samstag, Montag, Dienstag und Mittwoch, jeweils 19.30 Uhr.

von Sven Johann Stripling

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