Die Kruschelschublade

Schnürsenkel und Schreibfeder im Rodgauer Sammelsurium

Buntes Durcheinander von nützlichen und unnützen Dingen.
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Kunterbuntes Sammelsurium: eine wahre Schatzkiste mit nützlichen und unnützen Dingen.

Es gibt sie in fast jedem Rodgauer Haushalt. Dort landet alles, was kein festes Plätzchen hat, aber trotzdem aufgehoben werden soll.

Nieder-Roden – Diesmal gewähren Bettina und Steffen Hartmann aus Nieder-Roden Einblick in ihre Kruschelschublade. Eine Kruschel- oder Krimskramsschublade ist die perfekte Lösung, wenn man nicht weiß, wohin mit Streichhölzern, Gummiringen, Staubtuch, diversen Tütchen mit Blumenfrisch, dem Klingelschild aus der früheren Wohnung oder den zwei schönen Fliesen aus Portugal. Auch das Tischkehrset fügt sich aufs Schönste ein. Drinnen mag Chaos herrschen, doch von außen betrachtet, sieht die Wohnung ordentlich aus.

Für viele ist es die Küchenschublade, in der alles landet. Bei anderen Menschen gibt es eine Verstaumöglichkeit im Flur, bei anderen im Arbeitszimmer. Selbst Ordnungsratgeber, die beim Organisieren helfen wollen, lassen eine Schublade dieser Art zu. Aber wohlgemerkt: nur eine. Sollten auch Sie über eine solche Schatzkiste verfügen, außerdem ein wenig Humor besitzen, in Rodgau leben und der Redaktion einen neugierigen Blick in ihren Krimskrams-Hort gestatten, melden Sie sich unter der Rufnummer 06106 6682124 oder red.rodgau@op-online.de. Es ist nicht wichtig, dass sich etwas Besonderes in der Sammlung befindet, die bunte Mischung macht es!

Diesmal gewähren Bettina und Steffen Hartmann aus Nieder-Roden Einblick in ihre Kruschelschublade. Sie versichern, für die Berichterstattung nicht aufgeräumt zu haben, die Kiste sei im Originalzustand. Ihr Krimskramshort findet sich im Wohnzimmer. Es ist ein alter Waschtisch, der bei Hartmanns zum Fernsehtisch umfunktioniert wurde. Die linke Schublade beherbergt „alles, was man nicht wegwerfen kann“, gesteht der Hausherr. „Manche Dinge liegen dort nur vorübergehend, andere haben gar keinen festen Platz und damit nichts rumfliegt, landet es dort“, ergänzt seine Frau.

Die alte Fotografie springt sofort ins Auge. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1924, es sind die Großeltern von Steffen Hartmann. Weil die Tochter wie die Oma auch Helene heißt, schaut diese sich das Bild ihrer Ahnen immer wieder gerne an.

Steffen Hartmann ist in Frankfurt am Main geboren, doch schwäbisches Blut hat er von der Mutter geerbt. „Der Großvater lebte in Giengen an der Brenz und war als Bub ein Testkind für die Steifftiere“, verrät der Architekt, der als Gutachter für Immobilien tätig ist.

Bettina Hartmann stammt aus altem „Nieder-Röder Adel“, wie sie witzelt, und hieß vor der Heirat Keller. Deswegen steht auch noch ihr Mädchenname auf dem gelben Ausweis des Zellhäuser Windsurfingclubs von 1988, der ebenfalls ein Plätzchen in der Schublade gefunden hat. Oben rechts guckt ein orangeroter Button hervor, der stammt von der Pilgertour nach Walldürn. Dorthin war die 54-Jährige neulich alleine unterwegs, wegen Corona. „Laut singend und betend“ sei sie solo gewandert, erzählt die Christin. Und weil sich andere schwergetan haben, mit den derzeitigen Wallfahrt-Bedingungen, sagt sie: „Pilgern ist niemals vergebens.“

Da sich das Paar mit viel Engagement dem Großen Welttheater verschrieben hat, tummeln sich auch Requisiten wie eine Schreibfeder in der Schublade. „Da liegt eine Menge Welttheaterkram“, ist sich Bettina Hartmann sicher. Der spanische Fächer allerdings hat nichts mit dem Theater zu tun. Er ist ein Geschenk vom Friseur Petri, der vor 44 Jahren nach Teneriffa ausgewandert ist. „Mein Vater hat ihm beim Bauen geholfen“, erinnert sich die Tochter. Dies sei übrigens auch die Notschublade für Schnürsenkel, falls einer reiße, erzählt ihr Mann. „Die passen dann zwar nicht unbedingt zum Schuh, helfen aber erst mal aus der Patsche.“

Bettina und Steffen Hartmann

Die blaue Tröte spielte tatsächlich eine Rolle in einem Welttheaterstück. Der Spielleiter hat auch im richtigen Leben ein Faible für Blasinstrumente wie Horn und Posaune und musiziert mit beim Konzertorchester und der Rodgauer Blasmusik. In allen Winkeln der Schublade finden sich außerdem jede Menge Kabel „für Geräte, die es längst nicht mehr gibt“, wie Bettina Hartmann weiß.

Übrigens ist das Ehepaar selbst überrascht von dem einen oder anderen Stück, das sie in ihrer Schatzkiste finden: eine Fahrradklingel, ein Ersatzbirnchen für die Weihnachtsbaumbeleuchtung, eine kaputte Kette vom Sohn und die Winterdeko für den Vorgarten („Weihnachten kommt so schnell wieder“, witzelt Bettina Hartmann). Rätselhaft bleibt die Herkunft des Abschlagstifts fürs Golfspiel. Denn diesen Sport betreibt keiner in der Familie. „Es existiert ein Eigenleben in dieser Schublade“, schlussfolgern die Hartmänner und amüsieren sich weiter. (Von Simone Weil )   

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