Socken für „Django“

Patienten beim Tierarzt helfen manchmal praktische Methoden

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Der Tränenkanal am rechten Auge von Retriever-Hündin Lucy (4) ist verstopft. Bettina Gramß (Zweite von links) versucht, ihn (natürlich erst nach einer Betäubung) frei zu spülen. Derweil beruhigt Herrchen Josef Hitaler den vierbeinigen Patienten, während die tiermedizinische Fachangestellte Isabell Bahr (links) und Auszubildende Steffi Brüch (rechts) ihrer Chefin assistieren.

Weiskirchen - Krallen schneiden, entzündete Ohren behandeln, Hündinnen kastrieren, dazwischen ein Notfall: Der Alltag von Tierärztin Bettina Gramß ist vielseitig und turbulent. Wir durften sie und ihr Team in der Praxis an der Hauptstraße 90 Minuten begleiten. Von Bernhard Pelka 

„Flocke“ liegt flach. Kein Wunder. Gerade eben ist die Mischlingshündin kastriert worden. Die Narkose wirkt noch. „Gebt ihr etwas gegen die Übelkeit und ein Schmerzmittel. Dann kann sie in die Aufwachstation“, bittet Bettina Gramß ihre Helferinnen Isabell Bahr und Steffi Brüch. Alle drei kümmern sich kompetent und liebevoll um den vierbeinigen Patienten. Unter der Wärmelampe dämmert „Flocke“ in der Aufwachstation im Untergeschoss der Praxis noch eine Weile benommen vor sich hin, dann kommt sie langsam zu sich. „Operationen legen wir extra vor Beginn der Sprechstunde, erläutert die Tierärztin. „Dann haben wir mehr Luft.“

Aufwachen unter der Wärmelampe. Mischlingshündin „Flocke“ erholt sich nach der Kastration in der Aufwachstation.

Tatsächlich klingelt oben, im Empfangsraum, ab 9 Uhr das Telefon etwa alle zwei Minuten. Mitarbeiterin Gabi Rüsch hat – wie ihre Kolleginnen – alle Hände voll zu tun. Eine Frau betritt den Empfangsraum und bittet um spezielle Tabletten. „Die hier bräuchte ich für die ,Mila“, sagt sie und kramt ein leeres Tablettenbriefchen aus ihrer Tasche. „Das sind doch die fürs Herz – oder? Wissen Sie, ich bin nur die Hundesitterin.“ Während Gabi Rüsch ihr eine neue Packung Tabletten über den Tresen reicht, vertröstet sie am Telefon einen Anrufer. „Sie kommt gerade erst aus dem OP. Wir melden uns.“

Derweil füllt sich das Wartezimmer zügig. Ein Hund muss geimpft werden, ein Kaninchen hat etwas am Auge, einer Katze müssen die Krallen geschnitten werden und ein anderer Hund kommt mit Erbrechen und Durchfall. So geht das Tag für Tag. Inklusive der Notfälle kommen manchmal 80 Wochenarbeitsstunden zusammen.

Der nächste Kunde ist „Sunny“. Die Havaneserhündin hat sich eine Zecke gefangen. Frauchen Ulrike Roth aus Froschhausen konnte sie trotz aller Mühe nicht entfernen. „Ich hab mich auch nicht so richtig getraut, weil ich Angst hatte, dass der Kopf stecken bleibt.“ Bettina Gramß probiert verschiedene Instrumente aus, mit denen sie den Quälgeist packen könnte. Mit der Pinzette klappt es schließlich: Entwarnung. Noch ein kurzes Beratungsgespräch über die Wirkungsweise verschiedener Anti-Zecken-Tabletten, dann heißt es: Der Nächste bitte! Bettina Gramß kann inzwischen auf 20 Jahre tierärztliche Erfahrung bauen. Nach dem Studium in Gießen gründete sie 2000 in Hainhausen ihre Praxis, mit der sie 2010 nach Weiskirchen in eigene Räume umzog. Schon immer wollte sie Tierärztin werden.

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Vieles hat sich in den 20 Jahren verändert. Die 46-Jährige beobachtet eine zunehmende Spezialisierung ihres Berufsstandes auf Fachgebiete. Und ähnlich wie in der Humanmedizin werden die Möglichkeiten zur Diagnose und Vorsorge immer ausgefeilter – weshalb die Patienten immer älter werden. Geändert hat sich auch das Verhältnis Mensch zu Tier. „Früher war ein Hund ein Nutztier, ein geduldeter Begleiter. Heute ist er für viele ein Lebenspartner.“ Entsprechend umfangreich werden die Tiere umsorgt. Und entsprechend ausführlich muss die Beratung sein. „Aufklären, Therapien, Alternativen und Erfolgsaussichten aufzeigen, das wird immer wichtiger – darauf lege ich großen Wert.“ Klar, dass Fortbildungen zum selbstverständlichen Pensum gehören.

Nicht viel zu reden gibt es allerdings beim nächsten Fall. Havaneser „Django“ humpelt. Schnell ist klar: Er hat sich beim wilden Spielen an der linken Pfote die Hornhaut abgerubbelt. Die nächste Zeit muss er eine Socke tragen. Es gibt Schlimmeres.

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