Piepmätze vor dem Fernglas

Stunde der Wintervögel: Kohlmeise, Blaumeise und Eichelhäher oft gesichtet

Graugänse sind zwar eigentlich Zugvögel, überwintern aber zunehmend in ihren Brutgebieten. Bei der „Stunde der Wintervögel“ wurden sie in Rodgau aber nicht gemeldet.
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Graugänse sind zwar eigentlich Zugvögel, überwintern aber zunehmend in ihren Brutgebieten. Bei der „Stunde der Wintervögel“ wurden sie in Rodgau aber nicht gemeldet.

Im Winter flattern Singvögel in die heimischen Gärten. Die kleinen Piepmätze sind auf der Suche nach einem nahrhaften Frühstück. An der „Stunde der Wintervögel“ des Naturschutzbundes beteiligten sich zahlreiche Vogelfreunde bundesweit - auch in Rodgau und im Kreis Offenbach.

Rdgau - Bis gestern Mittag meldeten bundesweit 130 000 Naturfreunde ihre rund 3,3 Millionen Vogelsichtungen. In 91 000 Gärten und Parks zückten die Ornithologen Fernglas und Notizblock und schauten den Tieren ganz intensiv auf die Federn.

Die Aktion „Stunde der Wintervögel“ ist ein Gewinn für die Öffentlichkeitsarbeit der Organisation: Familien mit Kindern werden damit für die Naturschönheiten sensibilisiert.

Peter Erlemann ist ein kreisweit aktiver Ornithologe. Der Obertshäuser beobachtet und zählt das ganze Jahr über. Seit fast 40 Jahren publiziert er mit zwei Naturschutzverbänden den „Ornithologischen Jahresbericht“. Darin sind Brutpaare, Zugvögel und Sichtungen im Kreis Offenbach zusammengefasst.

Bei aller Freude über Menschen, die an der „Stunde der Wintervögel“ teilgenommen haben, sieht er die Vergleichbarkeit der Sichtungen skeptisch: „Es müsste jedes Jahr bundesweit an denselben Stellen wie Wald, Garten oder Park gesichtet werden, um eine Systematik aufzubauen“, betont der Fachmann.

Neben den wechselnden Lebensräumen verhindert auch das Wetter eine belastbare Datensammlung. Ist der Winter nicht zu kalt, bleiben gefiederte Sommergäste auch in den kalten Monaten in der Region. Im Dezember kreisten noch Weißstörche über den Wiesen Rodgaus. Sollte es den Tieren nachts zu kalt unter dem Gefieder werden, ziehen sie weiter gen Süden.

So sieht Peter Erlemann den gemeldeten Rückgang der Erlenzeisige (minus 45 Prozent) und der Wacholderdrosseln (minus 42 Prozent) mit gemischten Gefühlen. Beide Arten kommen gerne aus dem Norden Europas nach Deutschland. Wenn es ihnen dort zu frostig geworden ist, ziehen sie nach Mitteleuropa. Bleibt es in Skandinavien mild, so sehen die Tiere keine Notwendigkeit für die weite Reise. Die Winterbestände hierzulande schwanken deshalb von Jahr zu Jahr sehr stark.

Für aussagekräftige Daten ist Peter Erlemann das ganze Jahr über mit dem Fernglas unterwegs. Den Rückgang bei den Zahlen des Erlenzeisigs kann er nicht nachvollziehen. Erst kürzlich sah er 500 Exemplare im Naturschutzgebiet Schwarzbruch zwischen Seligenstadt und Froschhausen.

Dennoch zeigt die „Stunde der Wintervögel“ über Jahre hinweg die Tendenzen auf. Die stärksten absoluten Zuwächse gab es 2022 bei Kohlmeise und Blaumeise. Beide Arten bevölkern Parks und Hausgärten und kommen gerne zum Futterhäuschen. Sie sind leicht zu beobachten.

Andere Arten exakt zu bestimmen, ist nicht immer einfach. Erfahrene Ornithologen drücken ein Auge zu, wenn der Laie die Sumpfmeise nicht von der Weidenmeise unterscheiden kann.

Ähnlich verhält es sich mit Sperling und Heckenbraunelle. Mit einem Augenzwinkern wird dann von einem „KBV“ gesprochen, einem Kleinen Braunen Vogel. Im Vorbeiflug sind sie oft nicht exakt zuzuordnen.

Bei der Elster hat Otto-Normal-Ornithologe hingegen selten Probleme. Mit ihrem arttypischen Geschnarre ist sie weithin hörbar. Der Eichelhäher (plus 76 Prozent) fällt durch seine markanten blauen Federn an den Schwingen auf.

Bei vielen typischen Siedlungsvögeln wie Haussperling, Rotkehlchen, Türkentaube und Star gab es nur geringe Bestandsänderungen zum Vorwinter. Eine Entwicklung, die beim Naturschutzbund mit einem Aufatmen quittiert wurde. Immer häufiger kommen selbst Allerweltsarten wie der Feldsperling in Bedrängnis, wenn Lebensräume und Nahrungspflanzen zerstört werden.

Bekanntlich frisst der Teufel in der Not die Fliegen: Vielen Vogelarten geht es ähnlich. Statt der gewohnten Insektennahrung müssen sie im Winter mit vegetarischer Kost vorliebnehmen. Meisen und Rotkehlchen freuen sich im Frühjahr und Sommer über leckere Würmchen. Sind diese nicht vorhanden, füllen Baumsamen und Beeren den Magen.

Der Mensch kann zusätzlich für Futter sorgen. Wer den gefiederten Freunden über die nahrungsarme Zeit helfen möchte, hängt ein Futtersilo im Garten auf. Klassische Futterhäuschen, in denen die Vögel herumlaufen und die Körner eventuell mit Kot und Krankheitskeimen verschmutzen, sind nicht mehr en vogue. Die Futtersilos werden mit Sonnenblumenkernen, Rosinen, Obst, Haferflocken und Kleie gefüllt. Diese Mischung ernährt viele der heimischen Vogelarten.

Von Andreas Pulwey

An einer Futterstelle im Garten lassen sich Blaumeisen gut beobachten.
Sumpfmeise (Foto) oder Weidenmeise? Für Laien ist das schwer zu unterscheiden.

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