Lebensgefährtin angegriffen

Messerstecher bleibt hinter Gittern

Rodgau - Um Männlichkeitswahn, Melodramatik und die Frage, ob ein Messerstich an den Kopf automatisch eine Tötungsabsicht bedeutet, ging es in einem Prozess vor dem Schöffengericht Offenbach. Von Stefan Mangold 

Nach drei Verhandlungstagen verkündete Richter Manfred Beck eine Freiheitsstrafe von drei Jahren wegen gefährlicher Körperverletzung und Bedrohung.  Wie berichtet, hatte sich der Angeklagte so eingelassen, nicht er habe seine Frau mit dem Messer angegriffen, sondern sie ihn. Ihre leichten Stichverletzungen am Bauch könne er sich nicht erklären. Die Rechtsmedizinerin Dr. Stefanie Plenzig kann das. Die Ärztin vermutet, die Frau, die am Kinn stark blutete, sei bei sämtlichen Stichversuchen ausgewichen.

Der damals sechsjährige Sohn war bei der Attacke ebenso dabei wie bei dem melodramatischen Auftritt des Vaters am Abend zuvor, als der Angeklagte einen Suizidversuch simulierte. Der psychiatrische Gutachter Dr. Andreas Angelov spricht von einer „histrionischen Persönlichkeitsstörung“, einem egozentrischen Charakter, der zu theatralischen Auftritten neige. Schuld trügen immer nur andere. Er habe stets alles stoisch über sich ergehen lassen.

Richter Manfred Beck liest eine Verurteilung wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung aus dem Jahr 2003 vor. Damals hatte der Angeklagte den Vorwurf zurückgewiesen, er habe seinem Ex-Arbeitgeber ein Messer an den Hals gehalten. Er habe nur reden wollen. „Er laviert sich immer um die Wahrheit“, konstatiert die Staatsanwältin. Die Verletzungen der Ex-Lebensgefährtin passten nicht zu seinen Erklärungen: „Der Bruch ihres linken Ringfingers soll daher rühren, dass er ihr das Messer abnahm. Sie ist aber Rechtshänderin.“  Die Mutter seines Kindes in dessen Gegenwart mit „Ich stech’ dich ab“ zu verletzen, sei besonders verwerflich. Die Anklage fordert 30 Monate Haft. Rechtsanwältin Friederike Vilmar vertritt die Nebenklage der ehemaligen Lebensgefährtin.

Die Anklage hätte auf Totschlag zielen müssen: „Wer jemanden in die Halsgegend sticht, will töten oder nimmt den Tod in Kauf.“ Vilmar skizziert die afghanische Familie ihrer Mandantin, „Einwanderer, wie wir sie uns wünschen“. Die dreifache Mutter reiße sich „im eigenen Betrieb den Hintern auf“. Die älteren Kinder studierten. Der Angeklagte habe gemerkt, dass es bei ihm nicht laufe, sich aber nicht gefragt, „was kann ich machen, um zu unterstützen?“, sondern lieber Dramen inszeniert, um Aufmerksamkeit zu gewinnen. Seine Ex-Frau, sein Sohn und dessen Halbschwester befänden sich in psychotherapeutischer Behandlung. Vilmar fordert vier Jahre Haft. Dem schließt sich Angela Gräf-Bösch an.

In Gewaltkonflikten richtig verhalten

Die Anwältin vertritt die 20-jährige Tochter in der Nebenklage: „Wenn der Fall nicht so traurig wäre, hätte ich ob der Einlassungen lachen müssen.“ Messerangriffe stünden wie ein Leitmotiv im Leben des Angeklagten. Verteidiger Hans-Gero Schomberg benötigt „fünf Minuten Pause von dem Unsinn“, wie er sagt. Der angestrengten Mimik des Richters und der Staatsanwältin ist anzusehen, leicht fällt es ihnen nicht, dem Plädoyer des längst pensionierten Staatsanwalts a. D. zu folgen. Schomberg spricht einerseits von einem Messerangriff der Frau auf seinen Mandanten, dann davon, in dem Kulturkreis gehöre das Messer zum Mann: „Ironisch gesagt: Der Afghane wird mit dem Messer in der Wiege geboren.“ Einmal führt Schomberg aus, sein Mandant habe sich an die Trennung von Tisch und Bett gewöhnt, dann wieder, er habe die Frau zurückgewinnen wollen: „Als er das Messer schließlich hatte, hätte er sie viel schlimmer verletzten können.“

Schomberg plädiert auf zwölf Monate Haft zur Bewährung wegen fahrlässiger Körperverletzung und Bedrohung. Der Angeklagte bekräftigt: „Ich wollte sie nicht töten, sonst hätte ich das doch getan.“ Das Gericht verhängt insgesamt drei Jahre Haft: „Sie wollten die Frau nicht umbringen, sondern nur wieder einen dramatischen Auftritt“, sagt Richter Beck. Mit dem Messer habe der Verurteilte seinen „Männlichkeitswahn“ ausgelebt. Wenn er sich im Knast gut führe, müsse er nach den elf Monaten U-Haft noch 13 Monate absitzen.

Rubriklistenbild: © dpa

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