Tag der Nacht

Gemeinsam heizt sich's besser: Besondere Form der Nachbarschaft in der Michael-Meyer-Straße

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Hinter den Mauern der schlichten Doppelgarage im Vordergrund (mit Sat-TV-Schüssel) arbeitet das Blockheizkraftwerk.

Bewohner der Michael-Meyer-Straße pflegen eine besondere Form der Nachbarschaft.

Weiskirchen – Andreas Popp, seine Frau Katja, Sascha Wenz und Alexander Paul feiern mit ihren Nachbarn nicht nur zwei Feste im Jahr und unterhalten sich in einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe, sondern die 19 Reihenhausbesitzer in dieser Straße betreiben sogar ein Blockheizkraftwerk (BHKW) zusammen. Es versorgt die Häuser mit warmem Wasser und Strom.

Verborgen sind der Motor, eine Gastherme und zwei Wasserspeicher von je 1000 Liter Inhalt hinter den Mauern einer unscheinbaren Doppelgarage. Sie fügt sich optisch nahtlos in die anderen Garagen vor der Reihenhauszeile direkt hinterm Lärmschutzwall ein. Auffälliger Unterschied zu den anderen Garagen: Aus dem Dach guckt ein kurzer Schornstein heraus, aus dem es weiß qualmt.

Der von Erdgas betriebene Dreizylindermotor des BHKWs rattert heftig. Eine raffiniert konstruierte Lärmschutzhaube entschärft die Geräuschkulisse in verschlossenem Zustand allerdings verblüffend effektiv.

Der Motor produziert Strom und Abwärme. Die Wärme heizt das Wasser in den zwei Speicherkesseln auf. Beides – Wasser und Strom – fließen den 19 Reihenhäusern zu. Das erspart den etwa 45 Bewohnern die eigene Heizung im Keller.

Kraftwerksmotor mit effektiver Lärmschutzhaube: Das BHKW wirkt unscheinbar. Im Hintergrund: die Speicher.

In den Häusern, die nach dem Wohnungseigentumsgesetz als Sondereigentum gelten, befindet sich – außer den Heizkörpern – zum Heizen lediglich eine kleine Übergabestation. Sie ist nicht größer als ein Schuhschrank und in einer Wand gut versteckt hinter einer kleinen Tür untergebracht.

Sofern die Leistung des Motors nicht ausreicht, springt fürs Heizen und warmes Duschwasser zusätzlich eine Gastherme in der Doppelgarage an. „Und Strom kaufen wir bei Bedarf einfach zu. Aber für die Grundlast reicht’s immer. Nur abends, wenn alle da sind, kaufen wir zu. Tagsüber speisen wir dafür ins Netz der EVO ein und verkaufen unseren Strom“, erläutert Andreas Popp das System.

Es trifft sich gut, dass der Familienvater und seine Frau Katja einen Beruf ausüben, der den Umgang mit dem BHKW erleichtert: Beide sind Energieelektroniker.

Jedem in der Reihenhaussiedlung gehört ein gleich großer Anteil an dem Kraftwerk. Jeder hat einen Schlüssel für die Stahltür der Doppelgarage. Andreas Popp hat es übernommen, regelmäßig ein waches Auge auf die Anlage zu werfen. Sofern er mal in Urlaub oder anderweitig verhindert ist, springen Sascha Wenz und Alexander Paul ein. Wartung und Reparatur sind selbstverständlich Sache einer Fachfirma.

Die Übergabestation ist hinter einer Tür in der Wand versteckt.

Gibt es keine Reibereien, wenn 19 Leute als Eigentümergemeinschaft so eine Anlage zusammen betreiben? „Absolut nicht“, meint Popp. Der Kaufpreis war im jeweiligen Hauspreis inbegriffen. Die Abnahmemengen an Heizenergie und Strom werden in jedem Haus mit separaten Zählern erfasst. Da gibt’s also kein Vertun.

Sofern jemand sein Haus verkauft, muss er selbst zusehen, das Geld vom Käufer hereinzubekommen, das er ins BHKW anteilig investiert hatte. Und was ist, wenn sich Ehepartner trennen und der eine auszieht? „Dann müssen die Paare das Finanzielle ja sowieso intern regeln. Dazu gehören dann auch die Kosten für das Kraftwerk. Das geht uns als Gemeinschaft nichts an.“

Die Anlage läuft übrigens jetzt schon im fünften Jahr. Und sie funktioniert genau so wie auch die Nachbarschaft in der Michael-Meyer-Straße: prima.

VON BERNHARD PELKA

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