Weihnachtskonzert 

Gelungenes Dirigentinnen-Debüt

Solist am Baritonsaxophon: Dario Schüler wurde vom Nieder-Röder Jugendorchester unter der Leitung von Christian Ott begleitet. Foto: mecora

Marleen Martiny leitet erstes Weihnachtskonzert in Eigenregie

Nieder-Roden – Nach der zweiten Zugabe des Weihnachtskonzerts klatschte das Publikum am ersten Weihnachtsfeiertag im vollen Bürgerhaus beim Festkonzert des Musikvereins Nieder-Roden einfach weiter.

Nachdem Theaterregisseurin und Kulturpreisträgerin Tanja Garlt, die mit kurzen Stücke-Ansagen durchs Programm geführt hatte, sich mittels Blickkontakt und entsprechender Gesten bei Marleen Martiny vergewissert hatte, dass jene notenmäßig definitiv nichts mehr im Köcher hatte, sagte Garlt in einer Mischung aus Bedauern und Beschwören zu den Zuhörern: „Sie müssen jetzt nach Hause gehen. ”.

Zuvor hatte das Nieder-Röder Publikum Musikgeschichtsträchtiges erlebt. Die erste Frau hier, die das Hauptorchester eines Musikvereins in Rodgau/Rödermark leitet. Sie, Marleen Martiny, die schon länger in Nieder-Roden musiziert und dirigiert, hatte soeben ihr erstes Festkonzert komplett in Eigenregie über die Bühne gebracht. Und das im Jahr eins nach Jürgen K. Groh, der nach 25 Jahren Dirigat den Taktstock bei den Nieder-Rödern niederlegte. Er war an Weihnachten 2018 an gleicher Stelle mit einem furiosen, nachgerade sensationellen Konzert verabschiedet worden.

Wie toppt man so etwas? Man versucht es erst gar nicht. Und das hat Marleen Martin auch nicht getan. Sie startete als neue Maestra in Nieder-Roden sozusagen ihr eigenes Ding, stellte das Orchester auf (Neu-)Anfang, worauf sie hinfort aufbauen kann. Bodenständig, Selbstsicherheit ausstrahlend und mit deutlichen Fingerzeigen, Gesten und Körperbewegungen führte sie ihr Orchester durch ihr Programm. Auch nachdrücklich, wenn’s sein musste.

Wie am Schluss bei „Crossbreed” von Thiemo Kraas. Als vom weihevollen ersten Drittel über eine rhythmisch vertrackte, heikle Bridge zu einem trubelig groovenden Großpart aufgesprungen werden musste. Was exakt gelang. Ebenso der völlig abrupte Rückfall in eine Art Ensemble-Durchführung des Chorals „Segne du Maria”. Damit hatte ein Blechbläserquartett von hinten her, von der Empore des Saals aus, die Kraas-Komposition gestartet. Deren Darstellung wurde ein würdiges Finale eines gelungenen Dirigentinnen-Debüts.

Besser noch, und damit Höhepunkt des Abends: Carl Wittrocks „Lord Tullamore”. Wie bei den Stücken davor spielte auch hier das stattliche Holz der Nieder-Röder eine tragende Rolle. Allen voran perfekt Michael-Flatley-artig tänzelnd die Oboe von Sigrid Stemmer. Umwerfend folgten ihr die Highnote-Trompeten. Sie kündigten in maximalem Fortissimo den Tutti-Brachialteil des Werks an. Er brachte den Boden zum Beben. Hauptverantwortlich hierfür: die Schlagwerker an Pauken und großen Trommeln. Sie waren auch hinreißend rumpelnder und polternder Kern der kurzen finalen Stücke-Krönung. Dass sie im Überschwang bei ein paar Stücke-Schlüssen etwas nachklangen: geschenkt.

Das Konzertmotto 2019 lautete „Alles fließt”, griechisch „Panta Rhei” - hierzu kam das auftritts-eröffnende gleichnamige Stück von Markus Götz. Und der kleine Schwerpunkt im Programm war dem Instrument des Jahres, dem Saxophon, gewidmet. Er bestand aus zwei Werken für Solo-Saxophon und Orchester. Beim Konzertorchester: Gerald Oswalds „All Over the Country”, mit Stefan Eyßen am Altsaxophon. Und beim Jugendorchester: „Silhouette” von Alain Crepin, mit Dario Schüler am Baritonsaxophon.

Hinzu kam der große Auftritt von Jugendorchester-Chef Christian Ott. Bei „Mr. Saxobeat” von Valentin Allessandre sorgte er mit cooler Sonnenbrille und Fake-Sax für den Showteil. Sein wendiger Sexytanz Marke Eigenkreation bekam johlenden Beifall. Dieses Highlight seines Programms toppte des Jugendorchesters mit der Zugabe „A Christmas Kazoo” von James Pierpont, köstlich geblasen überwiegend auf Kazoos. Auf ihren eigentlichen Instrumenten hatten es die Nieder-Röder Newcomer in ihrem Set geschafft, Stück für Stück interpretationsqualitativ jeweils eine Schippe draufzulegen. Sie hatten fünf im Angebot - ebenso wie das Konzertorchester.

VON MANFRED MEYER

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