Aus der Ferne nahe sein

Gottesdienst im Freien: Gemeinsames Singen gibt viel Kraft

Zuwendung via Seifenblasen: Am Ende des Gottesdienstes im Hof der Nieder-Röder Seniorenresidenz schickt Kathrin Brozio die schillernden Gebilde als symbolhafte Zeichen für Gottes Segen zu den Fenstern und Balkonen. 
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Zuwendung via Seifenblasen: Am Ende des Gottesdienstes im Hof der Nieder-Röder Seniorenresidenz schickt Kathrin Brozio die schillernden Gebilde als symbolhafte Zeichen für Gottes Segen zu den Fenstern und Balkonen. 

In Rodgau finden Gottesdienst während der Corona-Pandemie im Freien statt. Besonders älteren Menschen spendet das Trost und Mut.

Rodgau – Seit gut zwei Monaten feiert Pfarrerin Kathrin Brozio, Altenseelsorgerin des evangelischen Dekanats Rodgau, Gottesdienste auf Distanz in den Höfen und Gärten von Pflegeheimen und Seniorenresidenzen der Region, die aus Sorge vor massenhaften Corona-Infektionen nicht zugänglich sind.

Immer noch sind die Corona-Verordnungen streng, was die Situation in den Alten- und Pflegeheimen angeht. Zwar sind Treffen mit einem Angehörigen einmal die Woche für eine Stunde möglich, und Pfleger wie Soziale Dienste setzen sich nach wie vor höchst engagiert für das Wohl der Alten und Kranken ein. „Aber es ist schon eine starke Belastung zu spüren“, sagt Kathrin Brozio. Die Gemeindepfarrerin in Hainburg arbeitet mit einer weiteren halben Stelle als Alten-, Kranken- und Hospizpfarrerin des evangelischen Dekanats Rodgau und bietet Seelsorge in Pflegeheimen und Seniorenresidenzen der Region an.

„Ich bin so froh, dass es mit den Gottesdiensten im Freien überhaupt eine Möglichkeit für mich gibt, den Menschen in den Pflegeheimen nahe zu sein. Denn was für die körperliche Gesundheit nötig ist, belastet die Seele der Bewohner stark.“ Am meisten bei denen, die ins Krankenhaus mussten – „denn das bedeutet bei der Rückkehr zwei Wochen Quarantäne im ohnehin derzeit schon hermetisch abgeriegelten Heimleben“.

Aber auch für die Leitungen und das Pflegepersonal ist die Situation schwierig: Arbeit über die Belastungsgrenze hinaus, „alles tun, um die anvertrauten Menschen zu schützen und alles richtig zu entscheiden“, gesetzliche Vorgaben penibel einhalten.

„Traurig sind auch meine Gespräche mit den Angehörigen, die erzählen, wie sehr sie selbst die Besuche bei Eltern, Oma und Opa oder alten Freundinnen vermissen.“ Bei Demenzpatienten, wo es auf persönlichen Kontakt ankomme und telefonieren manchmal nicht mehr funktioniere. „Da ist es dann wirklich ein Kontakt-Abbruch.“

Anderes ist aber auch neu entstanden, das Freude und Ermutigung mit sich bringt: etwa die Tablet-Computer, die es in manchem Wohnbereich schon gibt und über die Familien und Freunde sich mit Unterstützung des Personals sehen und miteinander sprechen können. Die telefonische Seelsorge, die täglich von vielen ihrer Kollegen im Gemeindepfarramt geleistet wird. „Auch die tolle ehrenamtliche Arbeit aus Kirchengemeinden oder anderen Institutionen, Gruppen oder Privatpersonen – ein kleines Sonntagskonzert des Musikvereins oder des Posaunenchors oder ein Stelldichein der örtlichen Feuerwehr.“

Oder auch die Gottesdienste, die bisher in den Häusern und heute von Höfen und Gärten aus gefeiert werden, während Bewohner auf Balkonen und an den Fenstern sitzen: „Natürlich ist manches provisorischer als sonst, und die Distanz macht das Gesagte auch nicht besser hörbar, aber all das ist nicht so tragisch. Ich spüre selbst und höre es immer wieder aus den Häusern: Die Verbundenheit miteinander und mit Gott ist da, die Erinnerungen und die Kraft, die im gemeinsamen Singen und Beten liegt“ – etwa, wenn Kathrin Brozio in ihrer Predigt Erinnerungen anklingen lässt oder begleitet vom CD-Player „Weißt du, wie viel Sternlein stehen“ anstimmt.

Die Pfarrerin weiß um den Trost und Mut, den der über ein Lebensalter eingeübte Glaube spenden kann. „Mich persönlich berührt es besonders, wenn beim Beten des Vaterunsers die Stimmen von oben und von drinnen zurückklingen. Da spüre ich, auf was für ein langes Leben diese Menschen zurückblicken, was sie in dieser Zeit durchgestanden haben, wie viel mehr Lebens- und Glaubenserfahrungen als ich sie habe.“ siw

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