Attraktives Grundstück

Trotz Ensembleschutz - Bagger machen Kultkneipe in Rodgau platt

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Der Ensembleschutz in der Vordergasse bewahrt das ehemalige Traditionslokal „Bei Ammie“ (links) nicht vorm Abriss.

Ensembleschutz schützt nicht vorm Abriss: Obwohl das ehemalige Gasthaus „Bei Ammie“ in der Vordergasse 35 zusammen mit den Häusern 19 bis 37 sogenannten Ensembleschutz genießt, wird es platt gemacht. Attraktiv ist das Grundstück auch wegen seiner Tiefe.

Jügesheim – Verrottete Scheunen stehen im Hinterhof. Da ist viel Platz für ein neues und großes Wohnhaus. Eine Sprecherin des Landkreises Offenbach erläuterte auf Anfrage, Ensembleschutz sei vom Status her „weit geringer als Denkmalschutz“. Bedeutet: Veränderungen am Gebäude sind statthaft – bis hin bis zum Abriss. Da spielt auch keine Rolle, dass an einer Außenwand des ehemaligen Traditionslokals noch freigelegtes Fachwerk zu sehen ist. „Optisch“ müsse sich der Neubau dann allerdings in die Umgebung „einpassen“, heißt es.

Rodgau: Abrissgenehmigung schon aus 2017

Die Abrissgenehmigung datiert laut Kreissprecherin schon vom Jahr 2017. Sie wurde mithin schon etwa ein Jahr vor Schließung des Lokals erteilt. Aktuell sei der Bauantrag „in der Prüfungsphase“. Über weitere Bauprojekte in der Vordergasse sei „derzeit nichts bekannt“.

Mehr als 120 Jahre hat es im Haus Nummer 35 an der Vordergasse eine Gaststätte gegeben. Die letzte Wirtin, Ursula Nöth, legte im Herbst 2018 nach 32 Jahren Dienst in Küche und Gaststube die Kittelschürze zur Seite und ging in den wohl verdienten Ruhestand. Bis zuletzt genoss die Wirtschaft Kultstatus. Legendär waren die speziell gewürzten Hähnchen. Scherzbolde witzeln, die Firma Knorr habe sich ernsthafte Sorgen wegen einer drohenden Pleite gemacht, weil „Ammie“ als Großabnehmer nun ausfällt. Die Sänger der „Giesemer Trottwa-Lersche“ widmeten dem Brat-Hinkel sogar ein Lied: „Hähnsche“ singen sie zur Melodie von „Angie“, dem Stehblues-Partyhit der Rolling Stones.

Anwohner sichert sich Originalschild von „Ammie“

Gabriel Winter hat sich das „Ammie“-Schild gesichert.

Wie sehr sich Stammgäste von einst mit der Kneipe noch immer verbunden fühlen, ist in der Offenbacher Landstraße 7 in Hainhausen sichtbar. Dort hat Gabriel Winter das Originalschild von „Ammie“ in Höhe seiner Terrasse an einem Holzbanken an die Fassade seines Hauses gedübelt. Der „Exil-Giesemer“ hat jahrelang in der Vordergasse gewohnt und war sich mit Ursula Nöth schnell einig: „Das Schild darf nicht einfach verschwinden.“ Die frühere Wirtin war übrigens erst kürzlich wieder Gast bei Gabriel Winter. Einmal im Jahr veranstaltet er zusammen mit Freunden aus Jux und Dollerei ein Boulespiel entlang dem Bahnpfädchen – zuletzt vor 14 Tagen. „Frau Nöth kam auf unsere Einladung hin auch. Und sie hat sogar ihr Hähnchenwürzrezept mitgebracht.“ 

Die erste Etappe auf dem langen Weg zum Wohngebiet Rodgau-West haben Planer und Politiker übrigens auch zurückgelegt. Das Stadtparlament hat der ersten Phase des städtebaulichen Rahmenplans zugestimmt.

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