Interview

Sebastian Reinl spielt die Hauptrolle bei Passionsspielen in Unterfranken

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Für die Hauptrolle bei den Passionsspielen muss Sebastian Reinl viel Text lernen. Seine Dialoge in der vierstündigen Aufführung summieren sich zu fast einer Stunde reiner Sprechzeit.

Vollbart, lange Haare, Nickelbrille und Tattoo. Sebastian Reinl sieht aus wie eine moderne Version des jungen Jesus. Das kommt nicht von ungefähr. Der 29-jährige Rodgauer lässt sich bei den Passionsfestspielen in Dammbach vor Hunderten Zuschauern ans Kreuz hängen.

Rodgau – Wie es zu seiner Hauptrolle gekommen ist, warum ihm der hessische Dialekt beim Textlernen im Weg steht und was er von Jesus gelernt hat, erzählt er im Interview.

Wie wird man zu Jesus?

Mein Schwiegervater in spe hat mich gefragt, ob ich – ganz unverbindlich – zu dem Infoabend [für die Mitwirkenden der Passionsspiele, Anm. d. Red.] mitgehen möchte. Dadurch, dass ich damals schon ‘nen Bart getragen hab’, wurde ich ziemlich schnell mit der Rolle assoziiert. Es waren schon viele besetzt, nur die Jesusrolle hat noch gefehlt. Die Not war groß, weil sich das niemand zugetraut hat.

Wie kommt das?

Es liegt eine Verantwortung auf den Schauspielen und ist rein vom Redeanteil her eine große Rolle. Man ist sehr oft präsent und muss entsprechend Zeit aufwenden. Viele Leute haben Respekt davor.

Sie eingeschlossen?

Natürlich. Vor dem Charakter sowieso. Es ist tatsächlich relativ schwer, sich da reinzufinden.

Was hat Jesus für einen Charakter?

Er ist durch sein Naturell erhaben, aber dennoch für alle Menschen, die ihm begegnen, greifbar. Er dringt sofort auf einer Metaebene durch.

Wie macht er das?

Ich denke, jeder hat schon mal Menschen getroffen, mit denen man sich gleich verbunden gefühlt hat. Das vergrößert mit dem Faktor 10 ist das, was ich mir vorstelle, was dieser Mensch ausgestrahlt haben muss. Jemand, der sofort ein Vertrauen erweckt und ein Gefühl von Geborgenheit ausstrahlt.

Was muss man mitbringen, um das auf der Bühne authentisch rüberzubringen?

So selbstbewusst auftreten, dass das Publikum einem potenziell diese Rolle abkaufen kann.

War Jesus ein selbstbewusster Mensch?

Ich denke, ja, sehr.

Glauben Sie, dass er wirklich gelebt hat?

Eine historische Person gab es mit Sicherheit. Ich denke, das ist unbestritten. Es gab jemanden, der zu der Zeit gepilgert ist, Apostel um sich gescharrt hat und Glauben verbreitet hat – warum auch immer. Ob er die Dinge auch vollbracht hat, die überliefert sind, das ist ‘ne andere Geschichte. Das mag ich mir nicht anmaßen zu beurteilen. Dazu bin ich weder in Theologie noch in der Historie weitgehend bewandert.

Sie sagen, für die Rolle des Jesus muss man viel Zeit aufwenden. Wie viel Text müssen Sie lernen?

Mein Skript ist fast komplett durchgefärbt, ich hab’ auf fast jeder Seite einen Einsatz. Bei einer Spielzeit von vier Stunden ist mein Sprechanteil etwa eine Dreiviertelstunde bis eine Stunde. Das ist schon ein massiver Anteil.

Was ist das größte Hindernis beim Textlernen?

Mein hessischer Dialekt ist viel zu stark. Wenn ich ein ,ch’ sprechen möchte, ist es ein ,sch’. Ich hab’ Unterstützung einer örtlichen Logopädin bekommen, für die pointierte Aussprache und um den Einschlag loszuwerden (lacht).

Es scheint, als beschäftigten Sie sich auch privat viel mit der Rolle. Gibt es eine Textpassage, die Ihnen besonders hängen geblieben ist?

Durch die Rolle muss ich mich mit mir selbst auseinandersetzen. In Zeiten von Instagram und Facebook ist man gerne abgelenkt. Und auch mit einzelnen Textpassagen, über die man dann doch länger nachdenken muss. Eine besonders: Der Knecht ist nicht größer als sein Herr.

Da geht es um Hierarchien?

Das sagt Jesus, nachdem er den Aposteln die Füße gewaschen hat. Das ist eine niedere, eine Sklavenaufgabe. Die Syntax hat mich aufhorchen lassen. Warum sagt er nicht: Der Herr ist nicht größer als sein Knecht? Das ist ja eigentlich die Sache darin. Auf einschlägigen Theologieseiten im Internet liest man, dass er sich selbst als Diener Gottes und der Menschheit gesehen hat.

Übertragen Sie den Satz auf Ihr eigenes Leben?

Ja, durchaus, zum Beispiel auf meine Familie. Wir haben einen sehr engen Zusammenhalt. Das ist ein Punkt, der bei vielen Menschen allgegenwärtig ist: sich selbst zurückzunehmen, um ein Teil der Familie zu sein. Jesus hat die Menschheit als eine Familie gesehen. Alle, die den Glauben annehmen, sind für ihn Bruder, Schwester und Mutter.

Jesu Worte sind für Sie also eine Möglichkeit, sich auf das Wesentliche zu besinnen . . .

. . . und tatsächlich auch mal mit mir zu beschäftigen, ja. Ich beobachte mich aktiv im Alltag und hinterfrage: Was hab’ ich eigentlich gemacht?

Haben Sie sich durch Ihre Rolle ein Stück weit verändert?

Das weiß ich noch nicht abzuschätzen. Jede Erfahrung im Leben verändert die Person, die sie durchlebt.

Jesus hat viel Leid durchlebt: körperlichen Schmerz, seelische Peinigung. Wie gelingt es, sich da hineinzufühlen?

Man muss sich ein Stück weit projizieren: Was hat mir sehr weh getan im Leben? Wo musste ich selbst mit mir hadern, wie Jesus mit seinem Schicksal? Es ist nicht einfach, das so anzunehmen und manchmal gar nicht so wirklich dagegen ankämpfen zu können.

Gegen das Gefühl der Ungerechtigkeit?

Eher von Machtlosigkeit. Das ist für mich ein schlimmes Gefühl. Ich bin eher der Macher.

Auf der Bühne werden Sie von Peitschenhieben getroffen und ans Kreuz gehängt. Ein paar Schmerzen nehmen auch Sie in Kauf?

Natürlich. Wenn Jesus das für die ganze Menschheit auf sich genommen hat, dann kann ich diesen kleinen Teil wohl auch  mitmachen.

Das Interview führte

Tamara Schempp

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