Lebendiger Treffpunkt für alle

Bibliotheken vollziehen Wandel von der Ausleihstation zum Wohlfühlort

+
Auch Gesellschaftsspiele lassen die Bücherei lebendiger werden: Yvonne Hartelt (links) und Leiterin Nina Streib beim Test.

Wohlfühlen sollen sich die Besucher in der Bücherei, auch in Rodgau wird das spürbar. Es werden auch keine Ausleihzahlen sondern die Zahl der Besucher erfasst.

Nieder-Roden – Darauf warten, dass die Kundschaft ins Haus kommt, war gestern. Jetzt will sie gelockt und ein wenig gehätschelt werden: mit nettem Ambiente, einem Kaffee und einer Sonnenterrasse. Was früher verpönt war, ist heute erwünscht. Die Besucher dürfen munter plaudern und müssen ihre Gespräche längst nicht mehr im Flüsterton führen. Kein Wunder also, dass das Motto heutzutage heißt: „Lesen, Stöbern, Entspannen, Arbeiten, Menschen treffen.“

Gerade in Nieder-Roden aber hat es die städtische Bücherei trotz dieser Erkenntnis schwer. Von außen wirkt sie mit ihrer Betonrampe regelrecht abweisend, einen einladenden Charakter und Charme hat sie nicht. Innen sieht das ein wenig anders aus. Schöner geht zwar immer, doch die Frauen, die in der Bibliothek das Sagen haben, haben längst den Wandel und auch die optische Veränderung angestoßen.

Rodgau: Wohlfühlen in der Bücherei

Gebrauchte, aber immer noch ansehnliche Sessel laden die Besucher zum Verweilen in der Bücherei ein.

Da ist zum Beispiel die gemütliche Kuschelecke, in die sich die jeweilige Vorleserin und ihre kleinen und größeren Zuhörer beim Bilderbuchkino zurückziehen. Sessel in freundlichen Farben und eine Kaffeemaschine laden dazu ein, sich niederzulassen und beim Schmökern im Buch oder beim Blättern in einer Zeitschrift zu entspannen. Der Kauf von Tablets ist geplant, auf denen auch die Tageszeitung gelesen werden kann. Separate Internetarbeitsplätze helfen dabei, schnell wichtige Informationen zusammenzutragen und in Ruhe zu arbeiten. Dafür wurde zunächst Platz geschaffen und Einiges aus den Beständen aussortiert.

Künftig soll noch mehr Leben in die Räume kommen, die ehemals totenstill zu sein hatten. Mit unterhaltsamen Gesellschaftsspielen, Bastel-oder Kreativecke sowie „Make Spaces“, also Arbeitsräumen für die kreative Gruppenarbeit.

Der niederländische Architekt Aat Vos, ein Vordenker der Bücherei von morgen, wünscht sich Bibliotheken als einen Ort, für den Menschen ihre Wohnung verlassen, als Treffpunkt für unerwartete Begegnungen. Verwandeln sich Stadtbüchereien aber in lebendige Orte mit vielen Veranstaltungen, könnten sie zur wichtigen Anlaufstelle werden, die man nicht nur gern, sondern sogar allein besuchen möchte.

Bücherei statt Internet

Denn Vos Auffassung nach, bleiben Menschen ohne Geld, die eben nicht ohne Weiteres konsumieren können, zu Hause, wo es bequem ist und wo es Internet gibt. Die Folge sei: Der öffentliche Raum entwickelt sich zu einem Ort, den sich nur Menschen mit einem bestimmten Einkommen leisten können. Verwandeln sich aber Stadtbüchereien in lebendige Plätze, könnten sie nach Zuhause und Arbeitsplatz sogenannte dritte Orte für alle werden und damit ein soziales Grundgerüst der Stadt.

Weil diese Überlegungen in Bibliotheken fruchtbaren Boden fanden, sind ähnliche Überzeugungen an vielen Stellen gewachsen. Jetzt liegt es an den Kommunen, was sie daraus machen. Schließlich steht in den seltensten Fällen ein Neubau an. Eher fehlen selbst die wenigen Mittel für Wandfarbe und einige bunte Accessoires, um unwirtliche Räume aufzuhübschen.

Den kleineren Besuchern ist die Gestaltung vermutlich nicht so wichtig, sie freuen sich über die sogenannten Tonies, die Hörspielnachfolger von Kassette und CD. Die Figuren werden auf eine Box gestellt und der einmal heruntergeladene Inhalt wird abgespielt – ohne einen Schalter zu betätigen, damit das Allerkleinste schaffen.

Ihre Mütter dagegen, die gerne Gleichgesinnte treffen, wären sicher dankbar, wenn ihr dritter Ort ansehnlicher wäre. Auch in Nieder-Roden.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare