Platznot in Kitas

Es fehlen hunderte Kita-Plätze: Zuzug junger Familien bringt Stadt in Not

Im Neubaugebiet Hainhausen-West wächst derzeit eine neue Kita für zwei U3-Gruppen und zwei Ü3-Gruppen. Die ersten Mauern stehen. 
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Im Neubaugebiet Hainhausen-West wächst derzeit eine neue Kita für zwei U3-Gruppen und zwei Ü3-Gruppen. Die ersten Mauern stehen. 

In Rodgau wächst die Nachfrage nach Kita-Plätzen schneller, als gebaut werden kann. Und eine eigentlich gute Nachricht macht Probleme.

Rodgau – Die Nachfrage nach Kindertagesstätten wächst schneller, als die Stadt bauen kann. 17 Kita-Gruppen sind derzeit im Bau oder stehen kurz vor dem Baubeginn, davon neun Gruppen für Kleinkinder unter drei Jahren.

Mit einem neuen Berechnungsverfahren will die Stadt den Bedarf besser abbilden. Das Ergebnis steht im Kita-Bedarfsplan, den Erster Stadtrat Michael Schüßler jetzt vorgelegt hat. Demnach fehlen derzeit 216 Kindergartenplätze für Drei- bis Sechsjährige und 253 Plätze für Kleinkinder unter drei Jahren – wenn man davon ausgeht, dass 50 Prozent der Null- bis Dreijährigen (U 3) betreut werden sollen.

Rodgau: Bevölkerungswachstum stellt Stadt vor Herausforderungen

Die Nachfrage steigt schnell. In den vier Jahren seit 2015 hat sich die Zahl der benötigten Plätze für U3-Kinder fast verdoppelt – von 345 auf 663. Das liegt vor allem daran, dass mehr Kinder geboren werden und junge Familien nach Rodgau ziehen. Die Bevölkerung der Stadt wird jünger. „Eigentlich der von uns gewünschte Effekt“, wie Sozialdezernent Schüßler sagt. Die „Herkulesaufgabe“ bestehe nun aber darin, „die Infrastruktur mit dem Bedarf in Einklang zu bringen“.

Wie soll das gehen? Eine U3-Gruppe hat höchstens zwölf Kinder. Um die 253 fehlenden Plätze zu schaffen, müsste man also 21 Gruppen eröffnen. Das wären fünf Einrichtungen von der Größe der Kita Breubergstraße, die 2017 in Nieder-Roden in Rodgau eröffnet wurde. Es ist ja nicht nur eine Frage der Gebäude, sondern vor allem auch des Personals: Erzieherinnen und andere pädagogische Fachkräfte sind schwer zu finden.

Stadtverwaltung Rodgau kalkuliert Bedarf nach Kita-Plätzen nach neuer Formel

Den Bedarf an Kita-Plätzen kalkuliert die Stadtverwaltung jetzt nach einer neuen Formel. Bisher rechnete sie mit einheitlichen Durchschnittswerten für die ganze Stadt Rodgau (2,1 Personen pro Wohnung, davon 0,5 Prozent unter 18 Jahren, gleichmäßig auf die Jahrgänge verteilt). Für Neubaugebiete treffen diese Zahlen aber nicht zu. „Im Moment des Zuzugs“, so Michael Schüßler, müsse man mit ganz anderen Zahlen rechnen: Jeder Fünfte, der dort einzieht, ist im Kleinkind- oder Kindergartenalter.

Eine Einzelauswertung der Bevölkerungsstruktur in den Wohngebieten Hainhausen-West (H 17) und „Auf den Bruchgärten“ (J 41) zeigt, dass sich der Nachwuchs dort nicht gleichmäßig auf alle Jahrgangsstufen verteilt: 75 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind null bis sechs Jahre alt.

Rodgau: Auch künftig kein Kita-Platz im eigenen Stadtteil garantiert 

Für die Neubaugebiete der nächsten zehn bis 15 Jahre muss die Stadt Rodgau ihre Kita-Planung hinaufsetzen. Der errechnete Bedarf ist jetzt doppelt so hoch wie bisher gedacht. Die Kalkulation wird dadurch erschwert, dass sich die Altersstruktur in bestehenden Wohngebieten im Lauf der Jahre verändert. „Familien mit Kindern ziehen dorthin und werden gemeinsam älter“, schildert Sozialdezernent Schüßler: „Bis der Durchschnittswert erreicht ist, dauert es 25 Jahre.“

Die Auswertung der Einwohnerdaten aus sechs willkürlich ausgewählten Straßen bestätigt diese Einschätzung. So weisen Neubaugebiete der 1990er- oder 2000er-Jahre deutlich weniger Kindergartenkinder auf. In der Heinrich-Böll-Straße im Wohngebiet J 26 liegt der Anteil der Kinder mit Rechtsanspruch auf Betreuung sogar unter dem Durchschnitt von ganz Rodgau.

Durch Neubaugebiete und Nachverdichtung steigt der Bedarf an Kita-Plätzen weiter. Auch künftig kann die Stadt nicht jedem Kind einen Betreuungsplatz im eigenen Stadtteil anbieten. Die Plätze werden nach dem Alter des Kindes vergeben. Die Eltern können sich Einrichtungen wünschen. 

Auch in anderen Städten der Region fehlt es an Kita-Plätzen. Eltern sind verzweifelt und frustriert.

Kita-Platznot in Rodgau: Qualifiziertes Personal fehlt

Die Stadtverwaltung von Rodgau bemüht sich nach eigenen Angaben, den Elternwunsch und die Wohnortnähe zu berücksichtigen. „Für eine bedarfsgerechte Zuweisung ist jedoch die Ausweitung auf die Nachbarstadtteile notwendig“, heißt es im Kita-Bedarfsplan.

Mehr als vier von fünf Kindern bleiben über Mittag in der Kita. Der Anteil der Tagesplätze beträgt in Rodgau 82,2 Prozent, in den städtischen Kitas sogar 89,7 Prozent. Noch vor zwei Jahren blieben nur 75 Prozent der Kinder zum Mittagessen. 2,5 Prozent der Kita-Kinder warten noch auf einen Platz mit Mittagsversorgung.

Eine große Herausforderung besteht darin, qualifiziertes Personal für die Kindertageseinrichtungen zu finden. Die Stadt schreibt laufend Stellen aus, jeden Monat finden Bewerbungsgespräche statt.

Rodgau will im nächsten Jahr 29 pädagogische Fachkräfte engagieren

29 Erzieherinnen und andere pädagogische Fachkräfte will Rodgau im nächsten Jahr zusätzlich engagieren. Damit steigt die Mitarbeiterzahl im Erziehungsdienst auf 250 Vollzeitkräfte. 

Der städtische Fachbereich Kinder, Jugend und Familie besucht jedes Jahr die Trägermessen der Fachschulen für Sozialpädagogik, um Nachwuchskräfte möglichst früh an die Stadt als Arbeitgeberin zu binden. Mit Erfolg: Von den 13 Erzieherinnen, die in diesem Jahr ihr Anerkennungspraktikum abgeschlossen haben, erhielten zwölf einen unbefristeten Arbeitsvertrag.

Von Ekkehard Wolf


Langen hat derzeit ein ähnliches Problem: Eltern müssen lange auf Kinderbetreuung verzichten. Für rund die Hälfte aller Kinder fehlen Kitaplätze.

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