Unermüdlicher Einzelkämpfer

Wie Kulturpreisträger Karl-Heinz Kalbhenn die Corona-Zeit durchsteht

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Künstler Kalbhenn kennt keine Scheu: Selbst aus Müll macht er Skulpturales. Fotos: reinhold gries

„Ich hab schon als Kind gelernt, aus jedem Material und jeder Situation etwas zu machen“, sagt Rodgau-Kulturpreisträger Karl-Heinz Kalbhenn in seinem schmucken Reihenhaus in Nieder-Roden.

Rodgau – „Später im Beruf und in meiner künstlerischen Tätigkeit habe ich immer viel improvisiert. “ Solche Erfahrungen kommen dem 69-Jährigen auch im Lockdown der Corona-Zeiten zugute, in denen Ausstellungmöglichkeiten fehlen und gewohnte Kommunikation zwischen Künstlern und Käufern erheblich erschwert ist.

Beim Gang durch Kalbhenns ungewöhnlichen Skulpturengarten am Haus zeigt sich gleich, dass der multibegabte Autodidakt in keine Stilschublade passt: „Hier sehen sie Skulpturen der letzten zwei Wochen.“ Man sieht zylindrisch gebaute Objekte aus Maschendraht, Kronkorken, metallischen Verschlüssen von Sektflaschen, Getränke-Blechdosen und anderen Wegwerfmaterialien. „Bei mir wird nichts weggeworfen“, sagt er zu den Upcycling-Objekten, die in buntem Gegenüber zu verspielten Metallskulpturen, Metallreliefs an den Wänden, einer Frankfurter Städtecollage, kunstvollen Blumenfotos und der Metallskulptur „Veränderung“ koexistieren. Ähnliches hat er schon in Workshops mit Kindern und Erwachsenen gemacht, um Kontrapunkte zur Wegwerfgesellschaft zu setzen. Für Kalbhenn ist es jedes Material wert, sich mit ihm zu beschäftigen, auch die Lederrollen aus der früheren Werkstatt seines Vaters. „Meine Zielsetzung ist es, durch solche Projekte das Selbstwertgefühl der Akteure zu stärken, sie können dabei aus sich herausgehen.“ Zur Zeit geht das leider nicht.

Kalbhenn erinnert sich an seinen eigenen, nicht einfachen Weg zur Kunst. Und sucht in seiner unvergleichlichen Mischung aus technisch-handwerklichem Erfinderreichtum und Gestaltungsfantasie den Weg zurück zu den Ursprüngen: „Derzeit beschäftige ich mich mit Skulpturen, Collagen in jeglicher Form und abstrakter Malerei.“ Sein Standbein über viele Jahre waren Fotoarbeiten zu allen möglichen Motiven, analog oder digital, verfremdet oder unbearbeitet. Seine Dokumentationsordner offenbaren unzählige Fotoserien zu Städten, Landschaften, Porträts, Stillleben, Baustellenmotiven, Alltagsgegenständen und anderem. „Nichts ist vor mich sicher“, sagt Kalbhenn dazu, der auch aus einer geschickten Anordnung von Zuckerwürfeln aus Nahaufnahmen Künstlerisches hervorzuholen weiß. „In meinem Keller habe ich Fotomaterial extern abgespeichert in 7 Tetrabyte Umfang, das genügt“, resümiert er.

Kalbhenns aktuellstes Werk ist eine Arbeit zur Coronakrise: „Zwischen Leben und Tod“.

Auf der Suche nach neuen Möglichkeiten des Gestaltens kommt ihm seine Ausbildung zugute, in der er keine Kunstfachschule oder Kunsthochschule von innen kennenlernte. „Als Betriebsmechaniker-Lehrling lernte ich Löten und Schweißen wie sinnvollen Umgang mit Maschinen, auch beim Hausbau mit meinem Vater lernte ich viel“, sagt Kalbhenn, der Mittlere Reife und Fachhochschulreife nachholte. Schon als Jugendlicher jobbte er auf dem Bau, obwohl er die Idee hatte, Industriedesigner zu werden. Er ließ sich zum Techniker ausbilden, arbeitete aber nicht in diesem Beruf. Der Ideenreiche war stattdessen als Werkstattleiter im Ladenbau, als Organisator von Dienstleistungen und Arbeitsabläufen gefragt. Daneben war er künstlerisch tätig, bis ihn Mitte der 90er Jahre ein Burn Out inmitten exzessiver Multitätigkeit stoppte. „Danach machte ich mein Hobby, die Kunst, endgültig zum Beruf. Zuhause hatte ich auch versagt,“ sagt der Vater von zwei Kindern und Großvater von drei Enkeln. Mit Wohlgefallen blickt Kalbhenn auf die Wand mit den Familienfotos.

Seit 2002 setzt er verstärkt Bildbearbeitungsprogramme am PC ein, um aus vorher entstandenen Motiven neue abstrakte Bilder entstehen zu lassen. Zuletzt, vor Corona, war Entsprechendes zu sehen in der gerade verwaisten KOMM-Galerie des Offenbacher Kunstvereins. „Leider verkaufen sich die abstrakten Bilder nicht so gut wie meine Städtecollagen“, klagt Kalbhenn. Im Moment verkauft sich fast gar nichts. Dass Nachfrage fehlt, bremst den unermüdlichen Macher aber keineswegs aus. Rund um die Uhr ist er mit Kunstideen und deren Realisierung beschäftigt, ausgenommen die drei bis vier Stunden Schlaf, die er braucht. Auf die Frage, wann er mal ausspannt, zum Beispiel durch Spaziergänge in der Rodgau-Natur, antwortet er: „Derzeit plagt mich meine Pollenallergie, wegen der ich schon mit Maske unterwegs bin. Das macht schon nach einer Viertelstunde keinen Spaß mehr.“ Die Umstellung zur Corona-Maske fällt ihm dadurch leicht. „Letztlich bin ich künstlerischer Einzelkämpfer“, gesteht Kalbhenn. „Insofern trifft mich die Krise weniger als viele meiner Kollegen, die harte Zeiten durchmachen.“ Natürlich wünscht er sich auch frühere Freizügigkeit zurück. Seine Arbeit aus den letzten Tagen zum Titel „Corona“ zeigt den Gekreuzigten mit der Dornenkrone als Symbol des Leidens.

VON REINHOLD GRIES

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