Nähe im Netz

Liveübertragung aus der Kirche bringt die Menschen zusammen

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Studiotechnik in der Kirche: Kai Dörry und Eike Scheipermeier sorgen dafür, dass die Worte der Pfarrerin Christina Koch ins Internet übertragen werden.

Gottesdienste sind zwar wieder möglich, aber auch das Internet kann Nähe vermitteln. Die Gläubigen freut es.

Rodgau – Obwohl nach der Corona-Pause wieder Gottesdienste in den Kirchen gefeiert werden dürfen, setzt der evangelische Kirchenvorstand in Dudenhofen auch in den nächsten Wochen auf den Bildschirm. Seine Überzeugung: Auch via Internet ist echte Nähe möglich. Der Erfolg gibt den Dudenhöfern recht: Ihr Livestream erreicht jeden Sonntag zwischen 100 und 130 Nutzer. Und vor vielen Bildschirmen sitzen mehrere Leute. „Das sind Zahlen, die ich sonst nie hätte“, sagt Pfarrerin Christina Koch. Seit dem Start vor sieben Wochen hat sie unzählige Anrufe und rund 150 E-Mails erhalten – eine Welle des Dankes und der Zustimmung.

Viel wichtiger als alle Zahlen sind ihr die Geschichten dahinter. Da gibt es zum Beispiel erwachsene Kinder, die ihren Eltern jeden Sonntag die Youtube-Verbindung einrichten – und dann feiert die ganze Familie gemeinsam Gottesdienst. Der Livestream bringt Menschen zusammen. So meldet sich die Schwiegermutter einer Kirchenvorsteherin sonntags morgens per Whatsapp aus Schleswig-Holstein: „Wir sehen uns gleich beim Gottesdienst.“ Zu den regelmäßigen Zuschauern gehören auch eine junge Frau aus den Niederlanden und einige Leute aus Christina Kochs früherer Gemeinde in Braunschweig.

Lobende E-Mails kommen aus allen Rodgauer Stadtteilen und aus dem ganzen Kreis Offenbach. Eine Kostprobe: „Auch wenn meine Eltern immer wieder erstaunt sind ob dieser technischen Möglichkeit, erlebe ich sie sehr intensiv bei der Teilnahme. Es ist halt doch ein Unterschied, ob man einem ,Fremdgottesdienst’ folgt oder ob man die Predigende und das Gebäude kennt.“

Trotz anfänglicher Scheu gegenüber der Technik hat Pfarrerin Christina Koch ihre Form gefunden. Auch wenn sie ihre Zuhörer nicht sehen kann, weiß sie, dass ihre Worte ankommen. Sehr wichtig ist ihr die Fürbitte für die Verstorbenen, für die sie „unser Lebenslicht, die Osterkerze“ entzündet – ein Moment emotionaler Nähe.

Wie fühlt es sich an, vor leeren Bänken zu predigen? „Technisch kriege ich das hin, zur Kamera zu sprechen“, berichtet Christina Koch. Ihr fehle aber die Möglichkeit, auf Reaktionen aus der Gemeinde einzugehen: „Die Predigt ist ein lebendiger Prozess, viel mehr als es irgendein Vortrag wäre.“

Der Theologin ist es wichtig, dass der Gottesdienst eine Live-Veranstaltung bleibt. „Ich wäre unecht, wenn das aufgenommen würde“, sagt sie. Deswegen werden die Livestreams auch nicht gespeichert, obwohl das technisch möglich wäre: Ein normaler Gottesdienst ist schließlich auch vorbei, wenn der letzte Orgelton verklungen ist.

„Live“ bedeutet, dass auch Pannen erlaubt sind, etwa ein Versprecher oder eine kurze Erschütterung der Kamera. Bei der Premiere im März war der Ton zu leise. Neulich war beim Schlusssegen plötzlich das Bild weg, weil der Kamera-Akku leer war. Beides soll nicht wieder vorkommen.

Die 40 Minuten Livestream erfordern viel Arbeit. Das ist die Aufgabe von Kai Dörry und Eike Scheipermeier. Beide gehören zum Team der Konfi-Betreuer, Kai Dörry studiert Eventmanagement und -technik in Gießen. Mischpult, Mikrofone und Scheinwerfer sind eine Leihgabe des Eventwerks Rodgau.

Für den Aufbau am Samstagabend braucht das geübte Team nur noch eine halbe Stunde. Am Sonntag sind die beiden 45 Minuten vor Beginn in der Kirche. Dann gilt es unter anderem noch das Netzwerkkabel bis zum Gemeindehaus zu verlegen. Das lilafarbene Kabel wird über zwei Verkehrsschilder und einen Fahnenmast über die Kirchgasse gespannt.

Mehrere Mikrofone sind in der Kirche verteilt. Drei nehmen die Orgel auf, eines den Raumklang. Die Pfarrerin trägt ein kleines Funkmikro am Talar. Das letzte Mikrofon steht im Glockenturm. Auch wenn vor dem Gottesdienst nur ein Standbild der Kirche zu sehen ist, wird das Läuten dazu live eingespielt.

Pfarrerin Koch steht in Kontakt mit evangelischen und katholischen Kollegen, um Erfahrungen auszutauschen. Dabei geht es immer um die Frage: Was fühlen, was erleben die Menschen in der Kirche? Ihre große Sorge wäre ein Gottesdienst, der zwar die äußere Form einhält, aber kein inneres Erleben bietet.

„Im Moment ist unser Konzept wirklich gut“, ist die Pfarrerin überzeugt. Sie berichtet von einer älteren Dame aus ihrer Gemeinde, die lieber weiterhin vor dem Bildschirm mitfeiert als die Corona-Einschränkungen in Kauf zu nehmen. Die resolute Seniorin meinte: „Wenn ich nicht entscheiden kann, wo ich sitze und ob ich mitsingen darf, komme ich nicht.“

Gottesdienst im Internet: evkirche-dudenhofen.de

VON EKKEHARD WOLF

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