Warenfluss darf nicht stocken

Marktbeschicker halten eisern durch

„Sehr anständig“ benehmen sich nach Wahrnehmung von Marktmeisterin Petra Funk die Wochenmarktkunden in Nieder-Roden. Abstand zu halten, erfordert Disziplin und Geduld. Fotos: karin klemt
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„Sehr anständig“ benehmen sich nach Wahrnehmung von Marktmeisterin Petra Funk die Wochenmarktkunden in Nieder-Roden. Abstand zu halten, erfordert Disziplin und Geduld.

Ob nun trotz oder gerade wegen Corona – der Wochenmarkt auf dem Puiseauxplatz hält sich in diesen Krisentagen wacker.

Nieder-Roden – Am vergangenen Freitag verzeichneten viele Händler mehr Zulauf als sonst und auch höheren Umsatz. Heute wollen sie alle mit ihren Ständen wieder kommen – sofern die Lieferwege für die Ware offenbleiben.

Die Sorge, dass etwa die Niederlande ihre Grenzen auch für Lebensmittellaster dichtmachen könnten, treibt Georg Lutz aus Groß-Umstadt um. Seinen Seefisch bezieht der Fischhändler direkt aus holländischen Häfen, selbstredend jeden Tag frisch. Bleiben diese Lieferungen aus, rückt laut Lutz die Forelle aus dem Odenwald ins Spitzensortiment auf. „Das wäre dann aber nicht das Gleiche“, sagt er, wohl auch für die Kunden nicht. Die kamen nach seiner Feststellung an den vergangenen beiden Freitagen zahlreicher und kauften auch großzügiger ein.

Für Hamsterkäufe eigne sich seine Ware freilich nicht. Als As im Ärmel kann Lutz notfalls sein Angebot an Feinkostsalaten ausweiten: „Die werden aus tiefgekühltem Fisch gemacht“.

„Wir kommen gern, solange es Ware gibt“, sagt auch Gabriele Baier hinter ihrer Obst- und Gemüseauslage. Wie alle – Anbieter, Kunden, neugierige Beobachter – ist auch sie am Markttag auf Abstand bedacht. Alle Beschicker und auch manche Käufer haben Handschuhe an. Fast hinter jedem Tresen stehen Desinfektionsmittel und Wasserbecken zum Händewaschen. „Das machen wir nach jedem Kundenkontakt“, wird am Stand von Metzgermeister Thomas Heil betont.

Gleich mehrere Marktbeschicker zeigen sich bei einer Spontanumfrage von Disziplin und Einsicht ihrer Kundschaft in Nieder-Roden positiv überrascht: „Die Leute benehmen sich anständig“, betont Marktmeisterin Petra Funk – auch wenn sie nur einzeln an die Stände treten dürften und die Bedienung auf Abstand etwas länger dauere.

So lange es Ware gibt für Baier und Funk, die beide Obst und Gemüse feilbieten, setzt das offene Grenzen voraus, vor allem freie Transportwege von Italien und Spanien her. Ein anderes Problem lauert dicht hinter dem Horizont: Wer soll in den nächsten Wochen die Massen an Erdbeeren und Spargel von den Feldern holen, wenn die Erntehelfer aus dem Ausland – hauptsächlich Polen und Südosteuropa – diesmal ausbleiben?

Michael Lippmann

„Das ist Knochenarbeit“, sagt Petra Funk. „Die machen Deutsche normalerweise nicht“. Ältere Schüler einspannen, empfiehlt eine Kollegin, die ihren Namen nicht in der Zeitung sehen will: „Die haben doch jetzt alle Zeit.“

Mit ähnlich gemischten Gefühlen wie die beiden Kolleginnen blickt Michael Lippmann in die nähere Zukunft. Seine Wild-Spezialitäten setzt er nach eigenen Worten zu 40 Prozent über die Imbiss-Schiene bei Festen und anderen Veranstaltungen ab. „Das können wir jetzt alles abschreiben“.

Der Marktstand in Nieder-Roden läuft dagegen recht gut, und Lippmann kennt aus Kundengesprächen auch Gründe: „Wenn die Leute schon daheim bleiben müssen, haben sie Zeit, mal wieder gut zu kochen.“ Und weil der Urlaub ausfalle, sei auch das Geld dafür da.

Zudem ist der Einkauf auf dem Wochenmarkt nach Überzeugung aller Befragten unter Corona-Vorzeichen gesünder und sicherer als im Supermarkt. Unter freiem Himmel, mehr Platz zum Ausweichen und ein rundes Angebot an Frischware, das nur einen Einkauf pro Woche nötig mache.

Echte Probleme macht die Pandemie nach Wahrnehmung der Markthändler jenen Kollegen, die am Stand Speisen oder Snacks zubereiten oder Getränke ausschenken.

Der Hessen-Imbiss hält auf dem Puiseauxplatz standhaft durch, lockt aber weniger Kunden als sonst. Der Weinhändler, der sonst jede Woche kommt und mit seinen Ausschankweinen, Tischen und Bänken in der Regel eine fröhliche Runde anlockt und als Treffpunkt fungiert, ist diesmal weggebelieben – neben einem Backwaren-Anbieter am vergangenen Freitag der einzige Ausfall.

VON KARIN KLEMT

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