Unter Beobachtung

Kritik an Bauwut in Rodgau-Rollwald reißt nicht ab

Wohnen im Blickfeld des großen Nachbarn. Der B-Plan in Rollwald lässt solche Extreme zu. An der Mainstraße gucken neun Familien ihrem Nachbarn im Einfamilienhaus bald in die Wohnung und in den Garten. Die Stadt möchte solche legalen Auswüchse mit einer Veränderungssperre stoppen.
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Wohnen im Blickfeld des großen Nachbarn. Der B-Plan in Rollwald lässt solche Extreme zu. An der Mainstraße gucken neun Familien ihrem Nachbarn im Einfamilienhaus bald in die Wohnung und in den Garten. Die Stadt möchte solche legalen Auswüchse mit einer Veränderungssperre stoppen.

Die Debatte um die teils extreme Nachverdichtung im Nieder-Röder Ortsteil Rollwald reißt nicht ab. Inzwischen kursieren unter Anwohnern diverse Fragen und Gerüchte, denen wir nachgegangen sind. Antworten darauf gaben Bürgermeister Jürgen Hoffmann und der Chef der Rodgauer Stadtplanung, Peter Kämmerling.

Nieder-Roden - Reizthema ist zum Beispiel der Neubau eines Neunfamilienhauses an der Mainstraße direkt neben einem kleinen Einfamilienhaus. Warum war die massive Grundstücksausnutzung zulässig?

Die im Bebauungsplan Nummer 6, Nieder-Roden (B-Plan), festgeschriebene Grundflächenzahl von 0,4 lässt dies zu. Der Bauträger hatte Antrag gestellt, zusätzlich zu den dort üblichen zwei Geschossen noch ein Staffelgeschoss in der Höhe draufsetzen zu dürfen. Da der B-Plan die Geschossflächenzahl offen lässt, war das zu genehmigen.

Der B-Plan Nummer 6 schreibt zwingend die Errichtung von Nebengebäuden vor. Davon wurde in der Mainstraße beim Neun-Familienhaus abgewichen. Warum?

Ja, stimmt. Aber die Stadt und die Bauaufsicht beim Kreis Offenbach sind der Auffassung, dass diese Vorschrift heute baurechtlich nicht mehr durchsetzbar und gerichtsfest ist. Wer dagegen klagt, bekommt Recht. Der B-Plan und diese Vorschrift stammen aus dem Jahr 1965. Sie entspricht nicht mehr den heutigen städtebaulichen Anforderungen. Wir verzichten deshalb auf den Versuch einer Durchsetzung.

Dann hat die Stadt dem Bauvorhaben das gemeindliche Einvernehmen auch nicht verweigert?

Nein. Diese Frage hat sich aber auch nicht gestellt, weil der B-Plan das nicht hergegeben hätte. Zur Geschossflächenzahl macht er, wie gesagt, keine Angaben. Insofern gibt es auch nichts, was zu versagen gewesen wäre. Es gab deshalb auch keine Notwendigkeit eines Stadtverordnetenbeschlusses in dieser Frage wegen eventueller Abweichungen vom B-Plan.

Manche sagen, die Stadt sei selbst Schuld an der massiven Nachverdichtung und Bauwut, weil sie ihre eigenen Restriktionen wie etwa die Vorschriften der Stellplatzsatzung fortwährend durch Sondergenehmigungen selbst aufweicht.

Das ist falsch. In den letzten fünf Jahren gab es in ganz Rodgau gerade einmal vier genehmigte Anträge auf Ablösung von Stellplätzen zu Gunsten der bebaubaren Fläche. Es handelte sich um acht Stellplätze. Man sieht: Wir sind da sehr restriktiv.

Es wird verbreitet, der B-Plan Nummer 6 könnte vor 30 Jahren im Stadtbauamt von korrupten Beamten gefälscht worden sein.

Das ist Unsinn. Das weisen wir zurück. Wir gehen davon aus, dass alle ihren Job gut gemacht haben.

Aber es gibt Unterlagen, aus denen geht hervor, dass das umstrittene Gebiet früher als Kleinsiedlung mit Minimalbebauung und nicht als allgemeines Wohngebiet ausgewiesen war.

Es handelt sich dabei um eine Notiz in einer Baugenehmigung aus den 60er Jahren. Verbindlich ist aber das, was im Bebauungsplan steht.

Anmerkung der Redaktion: Eine Sprecherin des Kreises Offenbach versicherte auf Anfrage, der Original B-Plan weise das Gebiet seit 22. Januar 1965 als allgemeines Wohngebiet aus. (bp)

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