Jügesheim das teuerste Pflaster

Baulandpreise außer Kontrolle – Eigenheim fast unbezahlbar  

Je röter, desto teurer: schematische Übersicht über die aktuellen Bodenrichtwerte in Rodgau mit seinen fünf Stadtteilen (Stand: 1. Januar 2020). In Jügesheim (Bildmitte) ist Bauen am teuersten.
+
Je röter, desto teurer: schematische Übersicht über die aktuellen Bodenrichtwerte in Rodgau mit seinen fünf Stadtteilen (Stand: 1. Januar 2020). In Jügesheim (Bildmitte) ist Bauen am teuersten.

Wer die aktuellen Bodenrichtwerte im Internet im Geoportal Hessen anklickt, staunt nicht schlecht: Erstmals liegt dieser Mittelwert aus privaten Grundstücksverkäufen zumindest im Stadtteil Jügesheim bei 600 Euro und mehr.

Rodgau – Was noch vor einem Jahr die Ausnahme war, ist jetzt Normalität. Eine weitere Schallmauer ist durchbrochen. Die Preise für Bauland explodieren. Rund um die Kita am Alten Weg und das Baugebiet J  26 liegen sie inzwischen bei 650 Euro den Quadratmeter. Zum 1. Januar 2018 zahlten Interessenten dort im Schnitt 480 Euro fürs erschlossene Land. Macht gut 25 Prozent Wertsteigerung in nur zwei Jahren. Eine Wahnsinnsrendite!.

Weitere Beispiele belegen die Entwicklung: Rund ums Rathaus sind 620 Euro fällig. Vor zwei Jahren kostete der Quadratmeter dort noch 460 Euro. Im Baugebiet J 41 an der Allensteiner Straße ergibt der Zweijahresvergleich folgendes Bild: 460 zu 600 Euro. Und im Neubaugebiet H 17 in Hainhausen-West lag der Einstandspreis 2017 bei etwa 370 Euro.

Heute sind es 550. So kommt’s, dass zum Beispiel in Dudenhofen eine Neubau-Doppelhaushälfte mit 4,5 Zimmern auf 128 Quadratmetern Wohnfläche zurzeit für 568 900 Euro, zuzüglich 79 362 Euro Kaufnebenkosten, angeboten wird. „Und da ist noch keine Einbauküche drin und sie haben noch keine neuen Möbel“,  sagt Erster Stadtrat Michael Schüßler.

Direkt an der Hauptstraße entstehen gegenüber dem Dudenhöfer Friedhof auf einer ehemaligen Autowerkstatt/Autohandel neun Reihenhäuser mit je 136 Quadratmeter Wohnfläche. Die hohen Baulandpreise sind dafür mitverantwortlich, dass sie erst ab 499 900 Euro zu haben sind.

Für den Sozialdezernenten, wie auch für Bürgermeister Jürgen Hoffmann, ist die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum ein Dauerthema. Beide gehen das Problem von vielen Seiten an. „Natürlich ist die eklatante Wertsteigerung für Eigenheimbesitzer – ob Haus oder Wohnung – eine große Freude“, beschreibt Schüßler einen Aspekt der Situation. „Aber wer soll das bezahlen?“, nennt er die Kehrseite der Medaille. „Wer heute eine Verkaufsabsicht hat, ist in einer komfortablen Lage.

Wer sich aber verändern will oder muss, der hat das Nachsehen. Was ist zum Beispiel mit jungen Familien, die Eigentum erwerben möchten? Oder Senioren, die gezwungen sind, ihr bisheriges Wohnumfeld aufzugeben, weil es zu groß geworden ist?“, deutet Schüßler an, dass die Preisexplosion beim Bauland sich natürlich auch auf den Mietmarkt auswirkt.

Die Steigerung bei Löhnen und Gehältern habe damit bei weitem nicht Schritt gehalten. Der Kauf von Wohneigentum ist für Schüßler deshalb inzwischen „eine soziale Frage“. Die Preissteigerung grenze breite Bevölkerungsschichten aus und führe mithin zu einer „soziologisch-gesellschaftlichen Trennung“.Natürlich könnte Rodgau stolz darauf sein, so attraktiv zu sein als Wohnort. Aber den Aspekt der Ausgrenzung und Spaltung dürfe man nicht einfach ausblenden. „In manchen Quartieren wird sich die Struktur ändern.“

Warum boomt der Baumarkt derart? „Das ist eine Folge der Lage und Rolle von Rodgau im Rhein-Main-Gebiet. 80 Hektar Entwicklungsfläche stehen zur Verfügung. Übergeordnete Planungsgremien schreiben Rodgau die Rolle zu, beim Siedlungsdruck in der Metropolenregion Frankfurt einen Beitrag zur Entlastung zu leisten. „Dieser Entwicklung können wir uns nicht entziehen“, sagt Schüßler. „Wenn ich am Puls des Rhein-Main-Gebietes hänge, kann ich mich nicht tot stellen. Sich bewusst unattraktiv zu machen als Wohnstandort – das kann keiner ernsthaft wollen.“ Gleichwohl richte Rodgau den Fokus darauf, eine familienfreundliche Stadt mit einer vielfältigen Gesellschaft zu bleiben. Das sei oberste Maxime.

Aufgabe der Stadt müsse es deshalb bleiben, bei den Baulandpreisen „preisdämpfend zu wirken“. Eine Möglichkeit dazu sehen der Stadtrat und sein Kollege Hoffmann in den Projekten zusammen mit der Hessischen Landgesellschaft (HLG). Die kauft seit Jahren im Schnitt für 80 Euro den Quadratmeter nicht erschlossene Ackerflächen für auf und entwickelt sie für die Stadt zu Neubaugebieten. Die HLG deckelt Schüssler zufolge die Preise beim Verkauf „an der unteren Grenze“. Und eröffne somit einer breiteren Schicht Chancen zum Kauf. (VON BERNHARD PELKA)

Infos im Internet unter boris.hessen.de

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Kommentare